Donnerstag, 27. Juli 2017

Tag 41: Bei Sprengungen ist das Timing das A und O

Als ich morgens mal auf Toilette mußte, regnete es.
Als der Wecker klingelte, regnete es.
Als ich mit dem Frühstück fertig war, regnete es.
Als ich ein paar Blogeinträge hochgeladen hatte, regnete es.
Als ich gezahlt hatte, regnete es.
Als ich die Lokal- und Boulevard-Blätter überflogen hatte, regnete es.

Es regnete mal etwas mehr mal etwas weniger und in einer Phase von letzterem ging ich dann um 10:30 Uhr doch mal los. Anfangs nur mit Regenhose, nachdem nach 350 Metern aber mal wieder eine Phase von ersterem anstand, dann doch auch mit Anorak.

In Richtung Nordwesten verlasse ich Heiligenblut und biege bald auf eine Forststraße rechts ab und die geht nach kurzer Einleitung gleich RICHTIG steil den Berg hoch.
Uff, da komme ich bei leichtem Nieselregen mit dem langärmeligen Hemd unter dem Anorak gleich gehörig ins Schwitzen. Über Serpentinen führt die Straße in Richtung des Gößnitztals, aber gerade als die Steigung erträglicher und die Serpentinen weniger werden zweigt mein Weg mit kaum noch Steigung am First rechts ab in Richtung Trogalm.

Eigentlich prima.

Aber statt des zu erwartenden Pfades des 702B-Weges (ja, wir haben schon wieder die Gebirgsgruppe gewechselt und die Glocknergruppe steuert die führende 7 bei), geht eine Forstraße rechter Hand weg.

Eigentlich nicht schlecht.

Aber Schilder weisen auf Forstwirtschaftliches Sperrgebiet, Betreten verboten bis 9. August, Sprengarbeiten, Lebensgefahr und ähnliche Nettigkeiten hin.
Toll: Mehrere Kilometer und hunderte Höhenmeter im Regen umsonst aufgestiegen ?
Warum schreiben die nicht im Tal gleich ein Schild, daß Weg gesperrt ist und man anderen Weg benutzen soll ?

SO leicht gebe ich mich aber nicht geschlagen. Wie sagte einst Ulli Hoeness: ¨¨Das ist es noch nicht gewesen.
Während ich also den neuen Fahrweg entlang laufe, sondiere ich meine verschiedenen Verhaltens- und Verhandlungsstrategien und wenn ein Pferd in der Nähe gewesen wäre, hätte ich für die ultima ratio evtl. sogar (Tierfreunde und Vegetarier jetzt bitte beim nächsten Absatz weiterlesen) mein Taschenmessser bemüht und den führenden kürzeren Teil des Tieres noch oben auf meinen Rucksack gepackt (Mafia-Methoden und so ;-).

Zwischenzeitlich entdecke ich meinen Pfad unterhalb der Straße. Evtl. wird die Straße zu einem anderen, höher gelegenen Ziel geführt ?
Ich steige abenteuerlich den Steilhang hinab und folge dem Pfad.
Nach 50 Metern ist aber bereits Schluß mit lustig: Der Weg ist völlig verschüttet von den Straßenbauarbeiten oberhalb. Mir bleibt also nur, der Straße weiter zu folgen. Das ist allerdings leichter gesagt als getan, denn dazu muß man erstmal wieder hoch kommen, was sich hier als noch schwieriger gestaltet als vorhin der Abstieg. Ich klettere auf abenteuerliche Weise an Resten von Bäumen nach oben.

Puh.

Also erstmal weiter gehen. Die Baggergeräusche sind nicht mehr zu vernehmen. Es ist kurz nach 12:00 Uhr. Nach einer Biegung sehe ich einen kleinen Bagger. Unbemannt. OK, noch sollte ich sicher sein, denn Ruhe kann ja auch bevorstehende Sprengung bedeuten, allerdings werden die Bauarbeiter dabei nicht ihre eigenen Maschinen beschädigen, sonst reißt ihnen der Chef den Kopf (ganz ohne Pferd) ab.

Ich kann dahinter eine Spitzkehre erkennen und oberhalb steht ein Muldenkipper und ein großer Kettenbagger. Alles im Stillstand und unbesetzt. Ah, wahrscheinlich Mittagspause, aber wo sind die Arbeiter im Regen ?

Ich gehe vorsichtig und umsichtig weiter und entdecke in den abfallenden Ausläufern der Spitzkehre einen Pickup. Darin sitzen die beiden Bauarbeiter, die hier schon seit Wochen und voraussichtlich bis Ende September Straße vorrangig für den Forst und ein wenig für die Alm bauen. Ganz offensiv steuere ich das Fahrzeug an und der Capo läßt auch gleich das Seitenfenster runter.
Mmh, die Brotzeit der beiden hätte ich auch genommen ;-)
Aber ich habe ja gerade ganz andere Verhandlungsziele und befinde mich auf ziemlich vermintem Gelände: Schließlich habe ich ja bewußt sämtliche Verbotsschilder ignoriert.

Die beiden sind aber super nett und meinen kein Problem, ich müsse einfach über Erdwälle klettern und zwischen Kipper und Kettenbagger die gegenläufige Rampe hoch und würde wieder auf meinen Steig kommen.

Super. So einfach. Kommunikation und Kooperation ist eben alles (naja, außer bei Gerald auf dem Rennfeld - hätte ich den Pferdekopf hier prophylaktisch im Rucksack gehabt, ich hätte ihn - hier ungenutzt - wohl nach Bruck an der Mur ohne h geschickt).

Mal wieder habe ich mehr Glück als Verstand:
Ich komme wegen meines Regen-bedingten extrem späten Starts genau in der Mittagspause an zwei total nette Arbeiter, die am 26. Juli 2017 die Straße auf den Meter - inkl. aufwändiger Spitzkehre - so weit gebaut haben, daß sie die Rampe für die Rückkehr auf den Steig bereits angelegt haben.
Das Glück ist ein Rindvieh und sucht seines gleichen :-)

Der Steig geht nun angenehm leicht bergan bis ich vor dem nächsten Problem stehe: Eigentlich nur ein Viehgatter (ja, ja, ich sagte ja eben noch, ich sei wohl ein selbiges), nur hier haben sie es ernst gemeint: Neben den umseitigen Verbotsschildern hält hier eine Kette mit Schloß das Tor zu und links und rechts dreireihiger Stacheldraht.



Diesmal sitzen mir zwar keine Stiere im Nacken (wie im Burgenland), aber trotzdem sehe ich zu, daß ich möglichst rasch samt Rucksack auf dem Buckel über das glitschige Holz des Tores irgendwie oben drüber klettere.

Ein paar Minuten später kommt mir ein Wandererpärchen entgegen. Auf meine Frage, welchen Weg sie gehen wollen, antwortet sie: DIESEN.
Sie versteht wohl meine Argumente, daß dies wohl keine so gute Idee sei und nach ein paar fremdsprachigen Diskussionen mit der männlichen Begleitung machen sie dann kehrt und gehen doch den anderen Weg ins Tal.

Ich folge an der Abzweigung an der Trogalm dem Weg stattdessen in das Leitertal hinein. Oberhalb des rauschenden Bachlaufes geht es nun gen Westen stetig bergan.

Nach einer Weile treffe ich drei Nationalpark-Arbeiter: Der erste mäht das Gras. Der zweite kratzt die Regenrinnen frei. Der dritte ist der jüngste und recht das Gras und spielt mit seinem Hund.
Sie haben die letzte Terminarbeit der Saison zu erledigen: Am Samstag ist eine Wallfahrt von Heiligenblut aus über die Glorer Hütte und da muß der Weg in bestem Zustand sein, weswegen sie heute hier auch beim Dauerniesel fleißig sind.

Als Fürstbischof Salm im Jahre 1800 mit seinem Tross zur Erstbesteigung des Großglockners unterwegs war, nahmen sie übrigens auch diese Route durch das Leitertal. Den Weg gab es noch nicht und das Gras wurde vor dem Tross mit hoher Wahrscheinlichkeit auch nicht gemäht und doch erreichten sie am 28. Juli dann den Gipfel.
Nun, das Wetter soll die nächsten Tage zwar besser werden, aber ich werde zum Jahrestag wohl trotzdem nicht am Gipfel des Glockners stehen, auch wenn der Zeitplan es zumindest hergeben würde.

Aber was hatte mir eine Familie erzählt, die von einer Hütte aus 2.400 Metern gerade im Abstieg nach Heiligenblut war: Die Tage hatte ein Blitz am Großglockner einen Bergführer erwischt, Haare verbrannt, schwer verletzt, aber er hat überlebt und konnte mit Hubschrauber ausgeflogen werden. Auch staatlich geprüfte Bergführer stehen eben irgendwann vor dem Herrn und die Berge und Naturgewalten sind immer größer als Du kleiner Mensch.

Zwischen Leiteralm und Berger Ochsnerhütte verengt sich das Tal etwas und ein kalter Wind fährt bei ca. 2.100 Metern durch das Tal, daß mir die nassen Finger fast abfallen.

Nach der Hütte weitet sich das Tal aber bzw. teilt sich in zwei Seitentäler und auch der Weg teilt sich: Rechts geht es hoch zur Salmhütte und auf der linken Seite des rechten Tals führt der Weg zur Glorer Hütte, die ich mir als Tagesziel ausgesucht hatte, um direkt auf dem Sattel zu übernachten und am nächsten Tag nicht noch 200 Höhenmeter weiter (in den Schnee) aufsteigen zu müssen.

Auf einer Höhe von 2.400 Metern geht der Regen in Schnee über. Das ist auch noch nicht das eigentliche Problem, denn er bleibt nicht liegen, sondern die Paarung mit starkem, direkt entgegen kommendem Wind: Ich kann teilweise kaum die Augen öffnen, da es mir die Schneekristalle in die tränenden Augen bläst.

Irgendwie komme ich aber trotzdem auf 2.642 Metern im heftigen Schneesturm an der Hütte an. Mir wird sogar die Tür vor der Nase geöffnet und ich herein gebeten.
Wenige Minuten vor mir ist ein älteres Ehepaar (Brigitte und Albrecht) aus der Hanauer Gegend von der Südwestseite (also immerhin mit dem Wind) zur Hütte hoch gekommen, wo das Thermometer asn der Tür noch +1° anzeigt.

Der Trockenraum der Hütte ist super ausgestattet und wird gleichzeitig mit dem Gastraum per Holzofen eingeheizt. Und wie !
Als ich vier Stunden nach meiner Ankunft ins Bett gehe, sind meine Sachen bereits trocken und im Gastraum ist es wahrscheinlich genauso heiß wie gestern in der Kräutersauna - auch hier darf man allerdings keinen Aufguss machen ...

Es stürmt mit Schneetreiben noch eine ganze Weile, aber der Schnee bleibt nicht wirklich flächendeckend liegen.


Begegnungen:
Familie im Abstieg von Hütte
2 nette Straßenbauer
3 Nationalpark-Arbeiter
9 Murmeltiere
Brigitte und Albrecht aus der Hanauer Gegend
4 Münchner


2.000er:
Berger Törl, 2.642

Tag 40: Über 7 Almen mußt Du in die Sauna gehen


Am herrlichen Morgen waren die Geologen schon längst draußen an der Arbeit, als der oberpfälzer Hüttenwirt, die Stuttgarterin und ich noch ein wenig quatschten.
So war es schließlich 9:00 als ich mich endlich losmachte.

Das Wetter war schön und kaum etwas erinnerte an das Sauwetter vom Vortag. Über das Tal des Schoberbaches wollte ich hinüber zum Sadnighaus gehen, dem eigentlichen Ziel des Vortages.

Die Stuttgarterin kannte das Sadnighaus von früher und war eher nicht so begeistert, das sollte ich mal besser im Hinterkopf behalten, aber übernachten wollte ich dort sowieso nicht, denn drei Stunden angegebene Gehzeit sind für einen Wandertag doch etwas wenig.

Aber zuerst galt es das Tal hinauf an Almen vorbei aufzusteigen.
Ein Alpensalamander kreuzte meinen Weg - er war eine der Erinnerungen an den nassen Vortag ;-)

Etwas später sah ich einen Steinadler über dem Felsrücken kreisen, der in der Maggernispitz seinen Höhepunkt findet. Ich überschreite aber nur unterhalb den Sattel des Schobertörls auf 2.360m, wo auch der Sadnig-Höhenweg von rechts/Norden kommend einmündet, den ich am Vortag hätte gehen wollen.

Durch Murmeltiergelände heißt es nun, an einem Bach entlang gen Westen absteigen. An einer verlassenen und einer bewirtschafteten Alm steige ich bis in den Talschluß des Astener Tals ab.

Geradeaus würde der Weg nun zum Sadnighaus führen, allerdings hatte ich dafür ja nicht gerade eine Empfehlung bekommen und so ziehe ich es vor, lieber weniger Höhe zu verlieren und stattdessen etwas aufzusteigen zur Kröllalm und dort dann dem Panoramaweg noch an weiteren bewirtschafteten Almen leicht ansteigend gen Südwesten zu folgen.

Zum Einkehren war es mir da noch zu früh, aber am Gasthof Glocknerblick biege ich dann doch ab, um mich zu stärken.


Gerade als ich mit Essen fertig bin, kommen die ersten dicken Tropfen. Die Gäste flüchten nach innen. Die Bedienungen bringen Kissen und sonstiges Inventar in Sicherheit, ich rüste mal (wieder) auf naß um und gehe dann ins Haus, um zu zahlen.
Als ich wieder ins Freie komme, ist der Spuk schon wieder vorbei und die Steinplatten am Boden sogar schon wieder trocken.

Argh, also Anorak wieder wegpacken und weiter gehts.

Nun kommt ein langer Abstieg, quasi ins Ungewisse: Ich habe noch keine Ahnung, wo ich heute eigentlich übernachten könnte, möchte oder sollte.

In Döllach habe ich gut 1.000 Meter an Höhe verloren und jetzt am Nachmittag sollte ich mir doch mal Gedanken zwecks Unterkunft machen.


Also Bank zum Sitzen gegenüber der Kirche am Weg entdeckt und Handy zwecks Recherche gezückt. Sollte ich etwa doch noch (mit einem kleinen Kraftakt) das eigentlich ursprüngliche Tagesziel Heiligenblut am Großglockner aus eigener Kraft und ohne Hilfsmittel heute erreichen können ?

Eine kurze Recherche erbringt keine (brauchbaren) Quartiere vor Heiligenblut selbst, aber direkt dort, gibt es ein paar Optionen. Aber wie weit mag das noch sein ?
Es wird bereits 15:30 Uhr sein, bis ich wieder loskomme, ein paar Erledingungen stehen auch noch auf dem Plan und so setze ich mir bis 10 km Wegstrecke als problemlos, 10-15 km als in Erwägung zu ziehen und mehr als nicht sinnvoll als Limit.

Laut GPS könnten es knapp 10 Kilometer Luftlinie und gut 12 zu Fuß sein.

Also nix wie los ...

Oh, halt, zuallererst für optimierte Bedinungen sorgen:
1. Unterkunft in der weitest entfernten Unterkunft online gebucht (Sauna bis 19 Uhr - das sollte als Nachbrenner den Schritt beschleunigen)
2. Ein Liter (überflüssiges) Wasser einem Baum gespendet
3. Postkarten der letzten Tage eingeworfen (Ballast minimieren)
4. Auf der Bank am Automat auch nur Geld in den größten verfügbaren Noten abgehoben

Derart leichten Fußes und guten Mutes gehe ich dann kurz an der Hauptstraße entlang, bevor ich mir einen R8 gönne.
Nein, nicht mit vier Ringen aus Ingolstadt - die haben ja gerade ganz andere Sorgen und den Auto-Verkäufer will ich sehen, der meinen Hinkelstein an Rucksack aufrecht stehend in solch eine Kiste bekommt (mit dem Kleinwagen kein Problem). Den R8 den ich nun nehme ist quasi ein Kärtner Original: Den Glockner-Radweg.

Bei den Radwegen in den Bergen muß man wissen, daß diese meist erheblich kompatibler zu Wanderern als zu Rennradfahrern sind: Schotter und teilweise Gras-überwachsen.

Hier komme ich ganz gut voran, asphaltiert ist der Radweg nur über eine Kuppe für ein paar Hundert Meter, vermutlich um Erosionsschäden zu vermeiden. Immer wenn ich mal stehen bleibe - z.B. weil die Bodenkontrolle anruft - fängt es an zu tröpfeln, es gilt also schleunigst Land zu gewinnen, dabei hatte doch auch dieser Tag so schön begonnen.

Nur durch eine Engstelle des Tals muß ich ein Stück an der Hauptstraße entlang gehen. Danach verläßt der Radweg selbige wieder und führt erneut auf der anderen Seite des Flußes im Grünen des Tal hinauf gen Norden.

Bei Rojach folge ich weiter einem Schotterweg am Fluß entlang, während der Radweg nun auf die Hauptstraße führt.

Mehr als 150 Höhenmeter Aufstieg sind nun - durch eine Geländestufe bedingt - nach Pockhorn noch über den Winterwanderweg zu überwinden und prompt fängt es kurz vorher wieder an zu regnen. Diesmal scheint es Petrus ernst zu meinen: Also Regenhose und Anorak anziehen - ausgerechnet vor dem Aufstieg :-(

Wenige Hundert Meter weiter, ist der Spaß schon wieder vorbei - Petrus hat mich also schon wieder drangekriegt. Zumindest den Anorak werde ich nun aber wieder los, bis es in den Aufstieg geht.

Am Gasthof Sonnblick ist die Zielhöhe ca. erreicht und ich gehe jetzt noch ein ganzes Stück auf der orographisch rechten Seite des Flußes an Heiligenblut vorbei bis in den Ortsteil Winkl.

Punkt 18:00 Uhr erreiche ich mein Hotel für heute und trotz Einchecken, Umweg über den dritten Stock, Anruf bei Fräulein A. und kleiner Stärkung sitze ich um 18:24 Uhr in der Sauna.

Eine Herausforderung war auch noch die Auswahl der RICHTIGEN Sauna: Kräuter oder normal. Infos zu den Temperaturen gab es nicht, aber in der Kräutersauna sind keine Aufgüsse erlaubt und Kräuter hatte ich gestern in Suppe und Hauptspeise bereits jede Menge - ich sage nur: Thymian.

Also rein in die normale Sauna und wegen des begrenzten Zeitbudgets einen auf russische Variante gemacht:
Rein.
Tür zu.
Zehn Schöpfer Aufguß.
7 Minuten durchhalten.
Tür auf.
Raus.
Tür zu.
Kalt abduschen.
Ein Mal rumlaufen.
Tür auf.
Rein.
Zehn Schöpfer Aufguß.
10 Minuten durchhalten.
<die Haut löste sich nun gefühlt bereits vom Körper>
Raus.
Abduschen.
Durch das feuchte und sehr weichte Alpengras barfuß im Garten spazieren und dann noch ausruhen bis 18:57 Uhr.

Danach konnte das Abendessen verdient in Angriff genommen werden, ich hatte heute mit 29 Kilometern wieder einen guten Lauf quasi direkt in die Sauna und yurück in den Plan ...


Begegnungen:
1 Alpensalamander
1 Steinadler
1 Murmeltier

2.000er:
Schobertörl, 2.360
Glocknerblick, 2.047

Mittwoch, 26. Juli 2017

Tag 39: Wenn Naturgewalten wüten

Wie in den letzten Tagen stimmt der Wetterbericht mal wieder nicht annäherungsweise: War es in den letzten Tagen deutlich besser als erwartet/befürchtet, so ist es heute umgekehrt, bereits am frühen Morgen regnet und gewittert es.

45 Minuten warten Gert und ich ab, aber um 08:30 Uhr machen wir uns in Regenmontur dann trotzdem mal auf die Socken.

Das Wetter ist richtig mies und wir stapfen zunächst über Skipisten, die teilweise bereits bis zu 10 cm im Wasser des Dauerregens versunken sind, bergab. Unweit des Hochwurtenspeichers treffen wir auf eine Straße, die oberhalb des Weißsees gen Südosten zum Alpincenter Weißseehaus führt.

Dort wollen wir wegen des anhaltenden Donners - die Blitze sieht man wegen des dichten Nebels nicht - etwas abwarten und erneut beratschlagen. Das Haus ist leider komplett verschlossen und sogar die Tür der verglasten Veranda ist mit einer Schaufel von innen blockiert, so daß wir nicht mal irgendein trockenes Plätzchen finden.

Zwei Wetterfronten prallen hier wohl gerade aufeinander und damit verbundene Frontgewitter sind unkalkulierbar. Der Sadnig-Höhenweg führt über zwei Übergänge mit über 2.500 bzw. knapp 2.700 Meter. Bei Gewitter keine gute Idee, auch wenn der Weg laut dem Wirt der Duisburger Hütte einfacher sein soll als die letzten Tage. Die hereinziehenden Wolken haben jetzt auch noch die Sichtweite auf deutlich unter 100 Meter gedrückt.

Gert entscheidet sich, zur Duisburger Hütte zurück zu gehen, da Sebastian & Co definitiv auch nicht auf den Sonnblick steigen, sondern sobald das Wetter etwas besser wird, über die Fraganter Scharte zurück nach Süden zur Duisburger Hütte kommen werden. Auch ich werde unter diesen Bedingungen nicht den Sadnig-Höhenweg in Angriff nehmen.

Wie hat eine weise Frau unterwegs mal zu mir gesagt: Lieber fünf Minuten feige, als ein Leben lang tot.

Wir verabschieden uns also im Regen und ich stapfe die Straße zur Mittelstation hinab. Kurz vor der Station der Standseilbahn aus dem Tal geht der Fußweg ins Tal rechts ab: 2,75 h - aber bei dem Wetter über einen Pfad der einem Flußlauf gleicht ?
Nein, danke.

An den Bahnen ist der Betrieb augenscheinlich gerade eingestellt und keine Menschenseele zu sehen.
Ich suche in der Station der Standseilbahn (Talanbindung des Mölltaler Gletschers) und in der Station der Gondel, die hoch auf 2.800 Meter ins Skigebiet führt, nach irgendjemand vom Personal werde aber erst im zweiten Anlauf fündig.
Im Ergebnis ist der Betrieb für heute komplett eingestellt, die Fahrstraße ins Tal 11 km lang und in der Nähe der Talstation gibt es wohl ein Hotel/einen Gasthof.

OK, das klingt nach einem Plan. Die Straße führt erst etwas bergauf, am Hang entlang durch einige Lawinengallerien und dann in Serpentinen hinab zum Wurtenspeicher. Die Straße und die Schutzeinrichtungen sind teilweise augenscheinlich schon etwas in die Jahre gekommen, um nicht zu sagen etwas marode. Murenabgänge sind gerade mal so weggeräumt, daß man durchfahren kann, die meisten Leitplanken fehlen entweder ganz oder liegen verbogen neben der Straße.
Nachdem mir Gert gestern Abend noch Bilder vom kläglichen Gletscherrest gezeigt hatte, die er bei seinem Nachmittagsausflug gemacht hatte, würde ich meinen der Zustand der Straße paßt dazu.

Nach dem Wurtenspeicher kommen noch zwei Tunnel, wobei ich die Anweisung nur mit Warn- sowie Handleuchte durchzugehen einfach mal ignoriere. Auf den ganzen 11 Kilometern kam mir oberhalb des Speichers gar kein Auto entgegen und unterhalb immerhin zwei Fahrzeuge des regionalen Energieversorgers. Bergab ist gar niemand gefahren.

Nach dem zweiten Tunnel lande ich quasi in einer anderen Welt: Kein Regen mehr und später sogar Sonne !
Insgesamt 2,25 h nach Abmarsch von der Mittelstation bin ich Punkt 12:00 an der Talstation.


Anorak und Regenhose sind zumindest äußerlich wieder trocken, aber insgesamt habe ich noch viel aufgesammelte Nässe an Bord. Also erstmal in der Toilette trockene Sachen anziehen und den Rest in der Sonne ein wenig trocknen.


Kaum schaut die Sonne raus, kommen etliche Autos mit Touristen angefahren, die dann realisieren müssen, daß heute gar kein Betrieb der Bahn sein wird, sondern nur die Gelegenheit zum Schienen Schmieren genutzt wird.

Ich spaziere nun in kurzem Hemd und kurzer Hose (allerdings vom Rucksack gleich wieder am Hintern durchnäßt) weiter die Straße bergab bis knapp unter 1.100 Meter in Innerfragant.
Der Bodenkontrolle hatte ich schon den neuen Plan durchgegeben: Möglichst zumindest wieder über den Hüttenzustieg bis auf gut 1.800 Meter zum Fraganter Schutzhaus aufzusteigen.

Ein von den Wassermassen des Vormittags stellenwiese gezeichneter, aber sehr netter Weg (meist breit und ohne hohes Gras) führt durch den Wald (tagelang keinen gesehen, da ich ja zwischen 2.000 und 2.600 Metern Höhe unterwegs war). Immer wieder geht es unter der Materialseilbahn hindurch, die hier über 700 Höhenmeter wohl für die Winterversorgung des Hauses genutzt wird (im Sommer ist es auch über eine Schotterstraße für Berechtigte erreichbar).

Das Telefonat mit Fräulein A. aus E. sorgt dafür, daß ich just wenige Minuten vor der Hütte nochmal naß werde - nachdem ich bei den ersten Tropfen ordentlich Gas gegeben hatte, bin ich allerdings nicht völlig durchnäßt.

Auf der Hütte ist alles finster, aber nach der ersten Überraschung, daß bei dem Sauwetter doch noch ein Gast kommt (hin verirrt kann man ja Dank GPS nicht sagen), bekomme ich ein modernes 2er-Zimmer, kann meine Sachen in den Trockenbereich im Keller bringen und heiß duschen.

Die Gegend um die Hütte ist ein altes Bergbaugebiet, welches während des Ersten Weltkriegs nochmal deutlich an Bedeutung zwecks Kupfer und Schwefel gewann und unter Militärkontrolle erheblich modernisiert wurde.

Jetzt sieht die Welt schon wieder besser aus, auch wenn es vor der Tür zwischenzeitlich schon wieder gewittert.

Für das Wetter, habe ich wohl das Beste aus dem Tag gemacht. Mal sehen, was der Dienstag bringt, ob es Schnee gibt, ob es weiter regnet oder ob das schlechte Wetter evtl. früher kam und dafür auch früher wieder weg ist.

Zum Abendessen bekomme ich dann ganz etwas Besonderes, zusammengestellt aus einem außergewöhnlichen Gericht von der Karte und einer speziellen Offerte des jungen Wirts: Ein Stück Forellenfilet, ein Stück Saiblingfilet mit einem Brennesselknödel und zerlassener Thymianbutter.
Grandios !

Am Abend komme ich dann noch mit zwei Geologen ins Gespräch, die jetzt drei Tage mit Auto und Gerätschaften auf der Hütte sind, um die Gegend geologisch zu kartographieren. Die fachlichen Erklärungen sind sehr interressant, auch wenn ich nur einen Bruchteil behalten werde.
Was ich z.B. nicht wußte, daß sich das sog. Tauernfenster vom Katschberg im Osten bis zum Brenner im Westen erstreckt, wo eigentlich tiefer liegende Gesteinsschichten durch Abrutschen und Alpenfaltung nach oben kamen und zu Tage treten. Oder daß das Großglocknermassiv aus erosionsbeständigerem Urgestein besteht, weswegen er heute eben der höchste Österreicher ist.
Womit wir insgesamt wieder bei den Naturgewalten wären ...


Begegnungen:
1 Maus
2 Geologen
1 Stuttgarter Fernwanderin


Tag 38: Den Schalk im Nacken ?

Gegen 6:15 Uhr krabble ich aus meinen warmen Decken im Winterraum. Schnell ein paar Klamotten anziehen und dann der Blick nach draußen: White out.
Auf der einen Seite ist nur weiß und kein Berg zu sehen, auf der anderen Seite sind schemenhaft die Umrisse der Hütte zu erahnen.

Als ich aus dem Gebäude trete sind schon die ersten Frühaufsteher am umher spazieren. Und daß, obwohl sie gestern so gefeiert haben. Respekt !

Um 6:30 gibt es pünktlich Frühstück und Senior-Chef und -Chefin schauen munter und fit aus (der Junior, der später dazu kommt, etwas weniger ;-). Gegen 6:45 sind neben mir und den drei Wienern auch noch jede Menge andere Feiergäste bereits im Gastraum. Sie können also feiern und früh aufstehen. Manch einer hat bereits wieder das erste Bier vor sich stehen. Na denn, Prost/Mahlzeit ...

Da ziehe ich Tee und ein paar ordentliche Wurstbrote vor. Auch das Bauernfrühstück mit Eiern und Speck von Gert ist nicht zu verachten.

Die Österreichische Dreiergruppe teilt sich heute auf: Peter wird ins Tal absteigen, da er nicht gut drauf ist und gestern große Probleme hatte. Unabhängig davon hatten mich Sebastian und Gert bereits am Vorabend gefragt, ob ich nicht mit ihnen zusammen gehen möchte.
Das klingt nach einem guten Plan und so nehme ich heute quasi Peters Platz ein.

An der Hagener Hütte kreuzt der 02er übrigens auch den österreichischen 10er Weitwanderweg und den europäischen E10.

Gert gibt ein ordentliches Tempo vor (ich hatte mit meiner ursprünglichen Erst-Einschätzung am Hannoverhaus also recht: Sie sind einen Ticken flotter unterwegs als ich), ich folge und Sebastian bildet den Abschluß und holt auch nach Raucherpausen oder ähnlichem jedes Mal wieder schnell auf.


Der Hagener Weg geht von der Hütte gen Süden den steilen Hang aus brüchigem Gestein auf einem schmalen Pfad entlang. Der Anstieg ist erst sehr moderat, bevor es im Bereich der Geißwand gen Westen steiler wird.
Bereits von Weitem hatte ich geradeaus eine Gams erblickt, deutlich oberhalb von uns in größerer Entfernung allerdings mehrere Tiere, die ich nicht genau bestimmen konnte. Doch nicht etwa Steinböcke ?
Sebastian meint, wohl eher nicht, aber eine Weile später bleibt Sebastian an der Spitze unseres Trios unvermittelt stehen: Direkt vor uns, auf der nächsten Felsrippe, nur wenige Meter entfernt stehen zwei Steinböcke und stoßen uns gegenüber Drohlaute aus.

Kurz nachdem sie sich zurückgezogen haben und wir etwas weiter aufgestiegen sind, kann ich die ganze Herde mit insgesamt neun Exemplaren unweit erspähen. Prächtige Tiere !

Wir gewinnen nun zunehmend an Höhe und die Ansage von Sebastian, daß uns der Hüttenwirt der Duisburger Hütte, der nach der Feier auf der Hagener, der Übernachtung und zwei Bier am Morgen deutlich nach uns gestartet war, uns NICHT bis zur Scharte würde überholen, erscheint mir langsam gewagt, denn der Scherzbold sitzt uns quasi wie der Schalk im Nacken.

Eingeholt hat er uns (natürlich), aber er läßt uns gewähren und heftet sich bis zur Scharte an unsere Fersen.

Wir inspizieren auf der Feldseescharte alle zusammen das Dr.-Rudolf-Weißgerber-Biwak, was eine Schlechtwetter-Blechschachtel zum Schutz suchen ist, die allerdings nicht für Nächtigungen ausgestattet ist. Das Hüttchen gehört offiziell mit zur Duisburger Hütte, weswegen der Wirt auch nach dem Rechten schaut.


Im Abstieg von der Scharte und im Anschluß teils über Blockwerk den Hang gen Nordwesten entlang, sehen wir den Wirt davon ziehen. Er kennt hier wohl jeden Stein beim Vornamen.

Wir drei sind auch ganz gut unterwegs, allerdings deutlichn langsamer, wobei ich es heute genieße als zweites zu gehen, denn so kann ich mich immer entscheiden, entweder wie Gert oder anders zu gehen, da das Gelände nicht ganz trivial zu gehen ist. Nach all den Wochen, wo ich jeden Schritt immer bereits initial selbst bewerten mußte und eben keine Vorlage hatte, mal eine entspannende Abwechslung.
Besten Dank an Gert und Sebastian fürs Mitnehmen.

Bereits nach vier Stunden erreichen wir mittags die Dusiburger Hütte, wobei es kurz vor der Hütte ein wenig tröpfelt. Das Wetter ist deutlich besser als vorhergesagt, aber eben einerseits weiterhin latent instabil und andererseits soll es in den nächsten Tagen richtig schlecht werden.


Mit Interesse hatte Sebastian deshalb bereits die Tage sich meine Südroute nach Heiligenblut angesehen. Eigentlich wollten die drei nämlich der 02er-Originalroute über die Gletscher und Kletterstellen rund um den Sonnblick folgen, allerdings stellt das angekündigte Wetter das etwas in Frage.

Da von Norden am Abend auf einer Nachbarhütte ein weiterer Wanderer zu ihrer Gruppe stoßen sollte, wird am Nachmittag an der Dusiburger weiter aufgeteilt: Sebastian geht heute noch über die Fraganter Scharte zur Nachbarhütte im Norden. Morgen werden er und der Nachzügler dann entweder - bei passendem Wetter - zum Zittelhaus auf dem Sonnblick aufsteigen oder zurück über die Scharte zur Duisburger Hütte gehen und Gert und mir zum Sadnighaus folgen oder ins Tal abfahren.

Ich bin mal gespannt. Zuletzt haben sich die Pläne der Jungs ja bereits mehrfach geändert.

Am Abend spielen sich vor der Hütte skurile Szenen ab: Ein Fuchs schleicht um den Eingang der Hütte und kommt bis auf wenige Meter an die Schaulustigen heran. Tollwütig scheint er aber nicht zu sein, denn zu nahe kommen darf man ihm nicht. Gleichzeitig schleicht ein Mutterschaf mit zwei halbstarken ums Haus und über die Terasse.
Lustig wird es, wenn der Fuchs den Dreien zu nahe kommt, dann machen sie nämlich umgehend Jagd auf den armen Kerl, dem dann nur die Flucht bleibt.




Begegnungen:
1 Gams
9 Steinböcke
Hüttenwirt der Duisburger Hütte auf dem Rückweg vom Feiern zur eigenen Hütte
1 Frosch
3 Schafe, die 1 Fuchs jagen


2.000er:
Feldseescharte, 2.714

Tag 37: Mit Vollgas zum Fünfziger

Eigentlich sollte es heute Gewitter geben und so war ein früher Start angezeigt. Mit Frühstück um 6:30 ist Start um 7:30 Uhr auch kein Problem, nur das mit dem Wetter schaut anders aus als vorhergesagt: Es regnet bereits am frühen Morgen.

Aus den Reihen des Alpenvereinsbautrupp aus Hannover/Göttingen, die eine neue Sicherung an meinem heutigen Wegabschnitt anbringen wollen, verlautet noch, der Regen habe aufgehört, aber nach ein paar Minuten unterwegs ziehe ich doch Regenhose und Anorak an.

Unter der Ankogelseilbahn geht es gen Westen und auch die beiden Schlepplifte für den Winterbetrieb werden gequert. Die drei Wiener sind ein paar Minuten nach mir auf einem anderen Pfad losgegangen, aber nach kurzer Zeit kommen die Wege zusammen.

Nach zwei Stunden habe ich die Baustelle noch mit der alten Sicherung erreicht. Bis hier hin die schweren Anker, das Stahlseil und das Werkzeug zu schleppen (und letzteres jeden Tag wieder zurück) ist schon eine Heidenarbeit für die beiden Männer und die Geschwister aus dem Nachwuchsbereich. Das nasse Wetter ist natürlich auch nicht sehr motivierend und für das verwendete Bindematerail müssen die Bohrlöcher noch dazu absolut trocken sein, um optimales Abbinden zu gewährleisten.
Gut, daß es die ehrenamtlichen Helfer der Sektionen gibt, die sich um Wegebau und vor allen Dingen Pflege und Erhaltung kümmern !

Bereits eine Stunde nach meinem Start - ich habe den Anorak mal wieder weggepackt, weil es nicht mehr regnet - kommt mir ein einsamer Wanderer dick eingepackt entgegen. Er ist doch tatsächlich aus dem Nachbartal über Scharte aufgestiegen und will heute noch auf den Ankogel.
Übrigens eine Wiege des Alpinismus: Der erste vergletscherte 3.000er  der Alpen der nachweislich bereits im 17. Jahrhundert bestiegen wurde. Interessanterweise ist er namensgebend für die Ankogelgebirgsgruppe, obwohl er nicht der höchste Gipfel in selbiger ist.

Ich folge dem Göttinger Höhenweg über das Lucketörl und nach etwas mehr als drei Stunden erreiche ich die Mindener Hütte. Eine mit zwei Lagern, Vorraum und Küche/Aufenthaltsraum ausgestattete Selbsversorgerhütte. Wasser gibt es unweit der Hütte, über eine Solaranlage wird die Hütte mit Strom für Licht versorgt, ein Gaskocher ist vorhanden und laut Führer soll es sogar ein Notfall-Satelliten-Telefon geben.
Die fünf Münchner Jungs, die hier genächtigt haben, machen sich gerade gegen 11 Uhr abmarschbereit.


Ich verweile eine ganze Zeit, da erstmals heute die Sonne kurz rauskommt und nach zwei Mal Anorak an und später wieder aus, bleibt es nun für den Rest des Tages trocken. Kurz vorher habe ich auch den Tauerntunnel der Bahn (über 100 Jahre alt !) überschritten - diesmal allerdings ohne sichtbare Zeichen an der Oberfläche (im Gegensatz zu den Entlüftungstürmen des Autobahn-Tauern-Tunnels vor ein paar Tagen).

Auch mit drei Bremer Jungs, die von der Hagener Hütte gerade vorbeikommen und rasten, plaudere ich noch ein wenig. Nach 45 Minuten Pause wird es höchste Zeit, wieder weiter zu gehen. Was mich nur wundert: Sebastian, Gert und Peter habe ich schon ewig nicht mehr gesehen. Ich hätte zumindest erwartet, daß sie mich hier bei meiner langen Pause einholen.


Über Blockwerk  geht der Weg weiter gen Nordwesten und nun gilt es ein Kar komplett auszugehen: Unterhalb der Woisgenscharte wechselt nun nicht nur die Wege-Zuständigkeit zum DAV Hagen, sondern auch die Wegenummer: Aus 502 wird 102, denn nun bin ich in der Goldberggruppe und es geht in südliche Richtung über einen schmalen Steig in steilem Wiesengelände unter der Romatenspitz hindurch.
Hier gibt es bei Altschneeresten im Frühsommer öfter mal Tote oder Schwerverletzte, denn ohne Steigeisen ist die Querung unter solchen Umständen lebensgefährlich. Nach dem Schnee-armen Winter und nun Ende Juli 2017 sind allerdings keinerlei Schneerückstände mehr in der Wegrinne vorhanden.
Prima, denn Steigeisen habe ich keine mehr an Bord.

Nach diesem Bereich geht der Weg langsam in Wiesengelände über, auch wenn er weiter zwischen 2.300 und 2.400 Meter Höhe verläuft. Schafe sind am Weg anzutreffen, Murmeltiere schauen aus ihren Löchern und unterhalb grasen Kühe.
Immer wieder geht es zwischendurch über Blockwerk in Steinschlagrinnen und immer wieder auf und ab am Hang entlang.


Dann kommt die Hagener Hütte auf einem Sattel auf knapp 2.500 Metern in Sicht (Grenze Kärnten - Salzburger Land) und es wird spannend: Die drei Wiener haben mir am Vorabend eröffnet, daß ausgerechnet heute eine Veranstaltung auf der Hagener Hütte stattfindet und es voll und laut werden könnte, sie aber vom Wirt den Winterraum zugesagt bekommen haben. Mal sehen, ob ich da auch noch Platz finde ...


Bereits um 14:15 komme ich auf der Hütte an, wo einiges los ist und drei Einheimische mit Gitarren und Quetsche zünftige Musik machen.


Der Junior führt mich gleich in den großen Winterraum (10 Schlafplätze) und zeigt mir die Dusche. Perfekt !

Auf der 2010-2012 zuletzt groß umgebauten Hütte wird heute das 50-jährige Jubiläum der Wirtsfamilie auf der Hütte gefeiert. Bereits der Vater des jetzigen Senior-Chefs hat die Hütte bewirtschaftet und mit dem Junior steht die dritte Generation ja quasi auch schon in den Startlöchern.

Es geht hoch her, aber am Abend wird es doch nach und nach etwas ruhiger. Ein paar Alkoholleichen müssen immer mal wieder gesucht und ins richtige Bett gebracht werden - aber davon höre ich am nächsten Tag nur, da ich ja separat im Winterraum schlafe.


Begegnungen:
1 Tscheche oder Holländer, der den Ankogel (bei diesem Sauwetter) besteigen will
2 Österreicherinnen kurz vor der Mindener Hütte
5 Münchner Jungs an der Mindener Hütte (haben dort übernachtet und gehen erst gegen 11 Uhr los)
3 Bremer Jungs an der Mindener Hütte (kommen gerade von Hagener)


2.000er:
Lucketörl, 2.379

Tag 36: Willkommen in Italien



Gestern Nachmittag an der Arlscharte bin ich ja aus dem Salzburger Land nach Kärnten eingereist, am Mittag sollte ich aber meinen, ich wäre in Italien gelandet. Aber bis dahin ist noch ein wenig zu gehen, auch wenn die heutige Etappe mit angekündigten 4,75 Stunden per se eher zum Erholen taugt, was nach der längeren Etappe gestern aber genau ins Programm paßt.


Also nach dem Frühstück gemütlich um 8:30 Uhr von der Osnabrücker Hütte in den zuerst gemächlichen Aufstieg rechts des Fallbachs auf den großen Wasserfall zu, wo der Bach imposant vom Fallboden gut 300 Höhenmeter oberhalb der Hütte eine Steilstufe und damit ein paar Dutzend Meter im freien Fall überwindet. Entgegen der Beschreibung wird der Pfad (im Gegensatz zum Vortag) nie wirklich sehr steil und flott ist der Fallboden erreicht.

Nun geht es etwas flacher dahin und eine Schafherde weicht vor mir vom Weg zurück.
Die ganze Herde ?
Nein, ein Schaf hat es sich dann doch anders überlegt und kommt ein Stück hinter mir her. Als ich stehen bleibe und mich umdrehe, bleibt es drei Meter entfernt dann doch sicherheitshalber stehen. Alle 30 Sekunden kommt es ca. 20 Zentimeter näher.
Aber dann kommt offensichtlich das Leitschaf (mit Glocke um den Hals) von hinten direkt auf mich zu, das Salz vom Schwitzen lockt wohl, und dahinter die ganze Herde. Nun führe ich beim Weitergehen wie der Rattenfänger von Hameln, eine ganze Schafschar hinter mir her.

Irgendwann wird es ihnen dann doch zu bunt bzw. im Moränengelände zu karg und ich ziehe wieder alleine meine Bahnen. Hinter mir ist noch ein Pärchen unterwegs, die ich beim Pausieren am Beginn des Fallbodens passiert hatte.

Der Weg führt ab und an über kleine, harmlose Schneefelder und dann sehr angenehm nach oben und querend hinüber zur Großelendscharte.

Kurz unterhalb des Übergangs treffe ich ein 72-jähriges, sportlich-fittes Pärchen aus Luxemburg, die sich eine Rundtour ab Gastein selbst zusammengestellt haben und mir super Auskunft über meine nächsten Etappen geben können, da sie in die Gegenrichtung unterwegs sind. Wir unterhalten uns eine Weile, bis das Pärchen, was hinter mir war, wieder aufgeschlossen hat.

Von der Scharte geht es zuerst etwas bergab zu einem See, wo mit einer Art Bojen irgendetwas versenkt ist. Im nächsten Bergsee das gleiche Spiel. Evtl. irgendwelche Forschungsinstrumente oder ähnliches.

Der Goslarer Weg führt nun immer leicht aufwärts oder abwärts am Hang entlang gen Westen. Bereits aus großer Entfernung ist das 4. Hannoverhaus zu sehen.


2008 reiften bei der DAV Sektion Hannover die ersten Pläne, den 1911er-Standort der dritten Hütte hier auf der Arnoldhöhe direkt auf dem Hauptalpenkamm in 2.720 Metern aufzugeben. Der Rückgang des Permafrost hatte die Stabilität der Hütte dort bedroht, weitere Sanierungen wären fällig gewesen und ein Anschluß an das öffentliche Kanalnetz wurde von Land/Gemeinde forciert.

Ende 2013 war dann die neue Hütte am Etschlsattel, gut 150 Höhenmeter tiefer und damit auch unterhalb der Seilbahnbergstation und im Winter direkt an der Skipiste fertig. 3 Millionen Euro mußten für den Neubau und den Rückbau der alten Hütte investiert werden und Schätzungen zu Folge, wird die Sektion trotz Yuschüssen noch bis ins Jahr 2043 Schulden bei Banken und dem DAV-Hauptverein tilgen. Die Infrastruktur in den Bergen ist schon ein teuerer Spaß, aber für viele Erlebnisse unverzichtbar, gerade auch für die Wanderer, die so beispielsweise hier den Nationalpark Hohe Tauern (mit 1.800 qkm der größte ganz Mitteleuropas) zu Fuß erleben können.
Ich werde den Nationalpark erst an der Birnlücke im Westen in knapp zwei Wochen verlassen.

Eine gute Stunde gehe ich noch bis ich das Hannoverhaus bereits um kurz nach 13:00 Uhr erreiche. Eine wunderschöne Etappe. Zusätzlich durch die Kürze sehr erholsam.

Als ich die Hütte über die Terasse betrete ist gerade großer Mittagstrubel. Und es wird eigentlich nur italienisch gesprochen. Auch die Bedienung kontert Bestellungen mit Brocken von Italienisch.
Ich vergewissere mich schnell und unauffällig auf dem GPS, daß ich mich nicht derart verlaufen habe, daß ich jetzt wirklich in Italien bin - hey, ich gehe doch diesmal den Zentral- und nicht den Südalpenweg.
Jetzt kommt mir auch wieder ein Satz in den Sinn, den ich vorhin so komisch fand: Die Luxemburger erwähnten, daß einige Etappen westlich einige ¨von der italienischen Seite¨ aufgestiegen sind.

Sehr mysteriös, denn bis zur (wirklichen) Grenze dürfte es noch ganz schön weit hin sein.
Wahrscheinlich ist das hier ein beliebter Ausflugsberg für (traditionell eher Fuß-faule) Italiener, weil die Seilbahn unweit der Hütte endet ...

Eine gute Stunde später ist der Trubel vorbei und ich bekomme ein Zimmer.
Die Zimmer sind sehr durchdacht: Unten ein Stockbett, Schränke, Tisch, Stühle und dann geht es über eine Treppe ins Obergeschoß des Zimmers, wo nochmal drei Betten sind. Es gibt in der neuen Hütte auch nur Zimmer und gar keine Matratzenlager. Nett und durchdacht !  

Am Abend treffe ich dann noch drei Wiener, die hier wieder auf den 02er gen Westen einsteigen. Sie gehen jedes Jahr ein Stück und haben auch Ausrüstung für die extremeren Etappen über Gletscher und/oder mit Kletterei an Bord.
Im Gespräch stellt sich mal wieder heraus, wie klein die Welt ist: Sebastian ist der Blogger der seit Jahren den Zentralalpenweg-Blog schreibt, weswegen ich ja die 02er-Erweiterung habe. Gert wiederum ist der Kassier der ÖAV-Sektion Weitwanderer (mit dem anderen Gert und Martin kenne ich ja so langsam den ganzen Vorstand :-). Komplettiert wird das Trio von Peter.


Begegnungen:
Schafherde im Verfolgungsmodus
72-jähriges Ehepaar aus Luxemburg
Sebastian (Zentralalpenweg-Blog), Gert (Kassier ÖAV-Sektion Weitwanderer) und Peter, die hier wieder in den 02er einsteigen, den sie schon seit ein paar Jahren stückweise gehen.
1 Fuchs


2.000er:
Großelendscharte, 2.674

Tag 35: Abstieg auf Speed

Kurz bevor ich um 08:30 losgehen will, schüttet es draußen. Ich vertage meinen Start vorerst und das pokern lohnt sich: Um 09:00 Uhr herrscht Sonnenschein.

Nur die beiden Mädels tun mir leid: Sie waren früher mit dem Frühstück fertig, sind bestimmt bereits unterwegs und wahrscheinlich voll in den ordentlichen Regenschauer gekommen.

Nachdem Monika und Renate in ihrer Wegbeschreibung auch keine Alternative zur Straße nach Karteis parat hatten, gilt es nun also über selbige den zweiten Teil der Zusatzstrecke abzuarbeiten, den mir die Bodenkontrolle in Erlangen bestimmt nicht zur Strafe, sondern nur zur Übung auferlegt hat ;-)
Weiter taleinwärts gibt es wohl einfach keine Quartiere und so folge ich ab Karteis dem Kapellenweg, der ganz nett weg von der Straße auf der anderen Seite des Baches das Tal einwärts führt.

Fast 10 Kilometer habe ich bereits zurück gelegt, als es langsam in den Wald und dann auf den Fußweg 512 geht, der am periodischen Schödersee (der verschwindet teilweis und dann grasen die Kühe im vormaligen See) vorbei und dann steil bergauf führt.

Nach dem See - der gerade noch in Resten vorhanden ist - mache ich erstmal eine Pause, wobei es hier Unmengen an Blaubeeren als nette Nahrungsergänzung zu sammeln gibt.

Über Felsen und ganz viele Stufen führt der Pfad neben dem Kolmbach steil bergauf. Erst kurz vor einer Jagdhütte auf 1.832 Metern wird auf einer Geländezwischenstufe der Bach verlassen.

Die nächste Steilstufe ist nun oberhalb der Baumgrenze aber auch ordentlich steil und die Pfade sind hier nicht so angenehm zu gehen, wie die der letztern Tage.

Mir kommt ein Vater mit seinem Sohn entgegen. Sie waren als Tagesausflug an der Scharte, waren auch in Hüttschlag früh am Morgen gestartet, allerdings waren sie bis zum Beginn des Pfades mit dem Rad gefahren. Ja, die beiden Räder hatte ich gesehen. Die Mutter haben sie mit dem kleinen Bruder im Tal gelassen und laut dem Jungen, wäre der Weg und die Tour für sie sowieso nicht zu schaffen - Kindermund tut Wahrheit kund ?! ;-)

Ich werde noch eine gute Stunde bis zur Arlscharte auf 2.252 Metern benötigen und mittlerweile hat sich der Himmel ganz schön mit dunklen Wolken zugezogen. Für die Gletscher im Südwesten und die Seen unterhalb habe ich deshalb nur ein paar Blicke übrig, denn ich mag nicht unbedingt vom Gewitter in der Höhe erwischt werden. Eine Herde Schafe ist auch schon ein wenig herunter gekommen und lungert in der Nähe des Pfringersees herum, den ich oberhalb zur Scharte umgehen muß.

Erste Tropfen erreichen mich und der Donner der einsetzenden Gewitter auf der anderen Seite der Scharte talauswärts und taleinwärts sind bereits wahrzunehmen.

Eigentlich wollte ich an der Scharte zur Stärkung noch ein Stück Traubenzucker nehmen, nun entscheide ich mich aber spontan stattdessen für Speed: In 20 Minuten bin ich die 300 Höhenmeter den Serpentinenpfad zur Jagasteighütte hinabgeeilt. Gerade als die Tropfen richtig viel und groß und heftig werden, platze ich dort in die Hütte und erschrecke die Seniorchefin augenscheinlich ganz ordentlich.
Mit der Tür ins Haus fallen, nennt man das wohl :-)

1,5 Liter Getränke und eine Suppe später, sieht es draußen eigentlich relativ OK für die restlichen 1,5 Stunden hinab zum Kölnbreinstausee, diesen gen Südwesten auf dem Fahrweg entlang und dann hinauf zur Osnabrücker Hütte aus.

Es ist auch bereits recht spät und so mache ich mich wieder auf die Socken. Das Wetter spielt mir dann noch ein paar Streiche, was letztlich zu Regenhose, Foto-Wegpacken und mehrmals Anorak an und aus führt.

Mittlerweile bin auch wieder auf dem 02er-Weg, allerdings wurde hier in der Ankogelgruppe aus dem gestern verlassenen 702 nun 502.


Nach 8 Stunden Gehzeit und fast 29 Kilometern, komme ich um 18:15 an der Hütte an. Richtig naß geworden bin ich nicht (vor der Tür geht die Welt erst gegen 18:45 unter), aber trotzdem weiß ich nach 5 Wochen unterwegs den ersten richtigen Trockenraum (Raum + trocken + warm + jede Menge Haken, ein paar Bügel und Ablagefächer) sehr zu schätzen.

Ich bekomme sogar noch ein Bett in einem Zimmer und etwas zu Essen.


Mal sehen, was das labile Wetter morgen veranstaltet.


Begegnungen:
2 Frösche
Vater und Sohn aus den neuen Bundesländern
2 Murmeltiere
2 Ziegenherden (die am Stausee unter Felsüberhängen auf der Straße regengeschützt herum lungern - die Steinschlagwarnschilder können sie wohl nicht lesen ;-)


2.000er:
Arlscharte, 2.252

Tag 34: Umgeplant ins Tal

Evelyn, die Wirtin der Franz-Fischer-Hütte, hatte am Vorabend schon aus dem Alpenvereinswetterbericht zitiert, daß man mittags Schutzhütte aufsuchen solle, da wärmebedingt schwere Gewitter/Unwetter drohen, trotzdem komme ich erst um 08:30 von der Hütte los.

Es ist bereits stark bewölkt, als ich gen Südwesten den Pfad am Hang entlang bergauf in Angriff nehme. Wie am Vortag ist der Weg super zu gehen.
Nach einer Weile komme ich an eine Abzweigung: Ich kann nun über die Weißgrubenscharte gen Tappenkarseehütte gehen oder über das 120 Hm niedrigere Haselloch, wobei letzteres der weitere Weg ist.

Ursrpünglich wollte ich über das Haselloch und weiter oben in den Bergen bleiben zum Albert-Biwak gehen, dort selbst-versorgt übernachten und am nächsten Tag über den Weinschnabel (2.754 m) weiter zur Osnabrücker Hütte unweit des Kölnbrein-Speichersees. Da der Übergang allerdings Kletterstellen, versicherte Stellen und Steinschlaggefahr beinhaltet und das Wetter gleichzeitig labil und Gewitter-gefährdet ist, bin ich davon abgekommen.

Also gehe ich auf via Weißgrubenscharte auf die Wolkenberge im Westen zu. Im Anstieg kommt mir bereits ein älterer Österreicher entgegen und meint, auf der anderen Seite des Übergangs regne es bereits. Mir kommen dann noch ein paar Grüppchen entgegen, bis ich kurz unter der Scharte bei den ersten Regentropfen auf Schlechtwetter umrüste.

Das war optimales Timing, denn auf den 2.255 Metern der Scharte haut mich der Wind fast um. Hier wäre definitiv kein guter Platz zum Umziehen gewesen.

Von oben kann man die Tappenkarseehütte oberhalb des Seeendes bereits gut sehen und bereits vor Mittag bin ich dort. Der Regen war nie sehr stark, aber bis dato recht ausdauernd.

Ich kehre also frühzeitig auf einen Blaubeerschmarrn und zwei Getränke ein und danach sieht die Welt schon wieder viel besser aus: Sonne :-)


Ganz kurz habe ich  beim Abmarsch vor der Hütte Empfang und erhalte Adresse und Koordinaten meines heutigen Ziels im Großarltal, welches die Bodenkontrolle in Erlangen dankenswerterweise organisiert hatte, da ich wieder keinerlei Empfang hatte.


Über das Draugsteintörl folge ich dem Weg 702a bergab. 300 Hm tiefer liegen die beiden Draugsteinalmen, wo der Weg direkt zwischen den beiden nur wenige Meter auseinander liegenden Almen durchgeht. Dort ist einiges los, das Wetter ist (noch) traumhaft und es wäre sicher nett einzukehren, aber ich habe ja noch einen langen Abstieg und anschließend einen Zusatzmarsch zum Hotel zu absolvieren, also sehe ich lieber zu, daß ich Land gewinne bzw. Höhe verliere.

Auf halben Wege an einer Bank in der Sonne noch kurzen Telefonstopp mit Fräulein A. eingelegt, da das Handy gerade mal Empfang signalisiert. Da kommt ein Hund vorbei: Alleine und sehr zielstrebig ab ins Tal.

Kurz nachdem der Pfad an der Materialseilbahn der Almen auf eine Forststraße gemündet ist und die Parkplätze der Tagesausflügler passiert sind, komme ich an eine Abzweigung. Weil ich für diesen Bereich nun keine Papierkarte habe, schaue ich ganz genau hin: Entweder kann ich einfach der Straße folgen (60 min bis Karteis) oder in überstumpfem Winkel abbiegen und erstmal wieder bergauf laufen und soll in 50 min in Karteis sein. Letzteres klingt interessant, insbesondere weil es einerseits auf dem Wegweiser als 702 ausgewiesen ist und andererseits da der Weg auf der anderen Seite des Tals verläuft und somit jetzt am Nachmittag überwiegend im Schatten liegt, im Gegensatz zur Straße.

Der Weg ist echt nett und mündet letztlich bei einem Bauernhof mit Materialseilbahn auf dessen Zufahrtsstraße. Auf halbem Weg ins Tal kommt mir an einem Viehgatter der alte Bauer mit dem Auto entgegen und wir kommen ins Gespräch. Seit dem Krieg und einer Bekanntschaft mit einem Nürnberger hat seine Familie eine Hütte an diese Nürnberger bzw. die Nachfolgegenerationen verpachtet.
Auf seine Brüder ist er aber ganz schlecht zu sprechen, denn diese haben ihn aus der Familienjagd gedrängt und das Jagern hat solchereins im Blut, auch wenn er schon alt ist, merkt man, daß dies an ihm nagt.

Als ich in Karteis an der Kapelle ankomme, wo auch die Almzufahrtsstraße einmündet, heißt es nun mehr als 2,5 km die Hauptstraße talauswärts bis in die Ortsmitte von Hüttschlag zu gehen.
Hüttschlag kommt übrigens vom schlagen der Bäume zur Holzkohle-Generierung für die Verhüttung von Erz, welches hier im Großarltal abgebaut wurde.

Bereits aus der Ferne habe ich zwei Wanderinnen aus der Gegenrichtung kommen sehen. Wie sich herausstellt, sind die Wienerinen Renate und Monika eine gute Woche auf dem Salzburger Almensteig unterwegs und übernachten im gleichen Hotel. Sie schaffen es auch, die Rezeption besetzt zu bekommen und am Abend ändern sie gleich mal die Sitzordnung und bitten mich an ihren Tisch, wo wir richtig nett plaudern.

Die beiden werden am kommenden Tag zur Tappenkarseehütte aufsteigen, über die ich ja heute vom Berg herunter und erstmals wieder (knapp) unter die 1.000-Meter-Marke komme, seit ich vor 1,5 Wochen in Donnersbachwald wieder die 02er-Spur aufgenommen habe.

Monika pilgert auch immer wieder in Österreich und ist bereits in Spanien den Jakobsweg gegangen. Mich würde interessieren, wie es mit Ihrer Idee ausgeht, den Jakobsweg von München durch Tirol und Vorarlberg nach Bregenz zu gehen ...


Begegnungen:
1 Eidechse
2 saubere Schweine (an den Draugsteinalmen)
Jede Menge Murmeltiere (akustisch)
1 Hund (alleine auf weiter Flur und zielstrebig ins Tal unterwegs)
1 verbitterter, ehemaliger Jäger
Renate und Monika im Hotel in Hüttschlag (unterwegs auf dem Salzburger Almensteig)


2.000er:
Weißgrubenscharte, 2.255
Draugsteintörl, 2.077

Donnerstag, 20. Juli 2017

Tag 33: Hoch gepokert und dem Gewitter enteilt

Wären meine Eltern mit auf der Südwiener Hütte gewesen, hätte meine Mutter wohl heute Morgen um 7:00 bei einem Marmeladenbrot mit hausgemachter Butter und Allergie-bedingt selbst mitgebrachter Marmelade wohl die Krise gekriegt: Am Frühstücksbuffet steht eine ovale Schüssel mit einem weißen etwas, welches ich im ersten Moment für Bircher-Müsli halte. Weit gefehlt. SEHR weit. Richtig viel weit.
Als der Hüttenwirt die Folie von der Schüssel nimmt und mir in einem Nebensatz erläutert, WAS er da gerade freigelegt hat, bin ich schon vor dem Probieren begeistert.
Seit meinem Friga-Erlebnis 2014 auf der Klagenfurter Hütte (Graz-Monaco, Tag 14) habe ich nichts annähernd ausgefallenes auf einer Hütte zum Frühstück bekommen. Und lecker ist es (natürlich - ich habe hier nichts anderes erwartet). Schmeckt wie bei Muttern, einzig ein kleines organisatorisches Manko besteht: Anzahl an Nelken, Lorbeerblättern, Wacholderbeeren und hier zusätzlich Pfefferkörnern ist unbekannt.
Aber meinem Vater hätten die einmanierten Heringe zum Frühstück zu 100% auch gemundet. Ah, lecker - und die Mutter hätte wohl wie erwähnt die Krise geschoben ;-)


Nach solch einem Frühstück kann der Tag nur gut werden: Wie am Vortag ist blauer Himmel und Sonne angesagt, allerdings soll es am Nachmittag Wärmegewitter geben.

Ich starte kurz vor den 7 Hannoveranern, denen sich wohl der österreichische Senior anschließt. Wir alle wollen heute zur Franz-Fischer-Hütte.

Über einen schönen Steig durch Alm- und lichtes Waldgelände geht es hoch auf eine Art Hochplateau, über das auch Stromtrassen die Tauern überqueren. Unten im Tal sieht man das Nordportal des Tauerntunnels und die Autos wirken wie Spielzeug.


In der Ferne ist bereits die Taferlscharte zu sehen. Kurz vor mir sehe ich zwei Wanderer hochsteigen. Als ich auf dem Übergang ankomme, rasten Bruno und seine Frau aus Bischofshofen und wir kommen ins Gespräch. Über dies und das, über deren Sohn, der Bergführer ist und lange Jahre in der Schweiz war, letztlich quatschen wir eine knappe dreiviertel Stunde bis die anderen da sind und sich wundern, daß ich immer noch hier bin.
Hoffentlich wird mir das am Nachmittag mit den angekündigten Gewittern nicht zum Verhängnis.

Von der Scharte geht es steil bergab und dann am Hang entlang auf die Entlüftungstürme des Tauerntunnels zu, die der Pfad aber im Bogen umgeht.

Der Rothenwändersee wird nur tangiert und schließlich geht es mit Blick auf den Schlierersee im Tal zur Jakoberalm hinab.

Die Alm sieht so urig aus, ist gut besucht und die Bewirtung durch zwei Mädels war mir so empfohlen worden, daß ich nicht einfach vorbeigehen kann - Gewitter hin oder her.

Einen Apfelstrudel, zwei selbst gemachte Orangenlimonaden und die Begegnung mit Uschi und Hazem aus Saalfelden später mache ich mich auf den Endspurt. Noch knapp zwei Stunden sollen es zur Franz-Fischer-Hütte sein.

Nach 15 Minuten habe ich die beiden Saalfeldener fast eingeholt und pünktlich um 14 Uhr ist der erste Donner zu hören und die schwarzen Wolken im Süden drohen unweit.


Ich lege an Tempo zu, um die letzten Aufstiegsmeter und knapp vier Kilometer möglichst schnell, trocken und am Leben zu absolvieren.

Das Gewitter kommt näher, aber außer ein paar Tropfen erwischt mich nichts und um kurz nach drei habe ich die Hütte erreicht. Uschi und Hazem kommen 35 Minuten später auch noch trocken an und der Regen bricht erst später los.

Die Hütte hat nur 36 Schlafplätze und ich werde wohl der erste sein, der hier ein Notlager bei der neuen Wirtin erhält. Der Platz des Notlagers und die Vorstellung dort noch eine Matratze hin zu bekommen, begeistert, denn aus meiner Sicht der beste Platz in der ganzen 2013 neu gebauten Hütte.


Auch die Dusche mit Panoramafenster in die Berge weiß zu begeistern.


Die Hannoveraner rufen einige Zeit später an, daß sie nicht kommen, sondern auf der Jakoberalm beleiben werden. Nun muß ich doch (leider) ins normale Lager.

Mit Uschi und Hazem wird es dann recht spät: Nach 25 Jahren spiele ich mal wieder Canasta. Der Erfolg ist quasi mittelmäßig :-)


Begegnungen:
Bruno und Frau aus Bischofshofen
Schneehuhn mit fünf halbstarken
Uschi und Hazem aus Saalfelden
Evelyn, die neue Hüttenwirtin (vorher auf Passauer Hütte)


2.000er:
Taferlscharte, 2.236
Rothenwändersee, 2.030
Essersee, 2.087

Tag 32: Auf der Spur des Kuhfladenzerdepperers

Heute steht nur eine kurze Etappe an, also genug Zeit am Morgen erst noch die letzten Artikel hochzuladen und ein paar andere Erledigungen vorzunehmen.


Um 11:00 Uhr geht es los und der Weg ist am Anfang ein Scherz: Über hunderte von Metern eine einzige Sumpflandschaft. Ich werde ja öfter gefragt, warum ich immer mit den schweren Bergstiefeln gehe (Martin ist ja z.B. mit ganz leichtem Schuhwerk unterwegs), hier ein weiterer Grund: 15 cm im Sumpf versinken stellt noch nicht den Ansatz eines Problems dar :-)

Als es endlich bergan geht, hat der Schlamm endgültig ein Ende und nachdem eine Skiabfahrt gequert ist, geht der Pfad des 02ers auf den Oberen Hirschwandsteig und in einem steten auf und ab am Wildsee vorbei, quasi auf der mittleren Höhenetage um 2.000 Meter gen Westen den Hang entlang.


Als ich zwischenzeitlich unweit einer faul herum liegenden Kuhherde eine kleine Pause zu machen gedenke, sieht sich die mutmaßliche Leitkuh (hat die Chefglocke um den Hals) genötigt, sich die Sache - also mich - genauer anzusehen. Langsam kommt sie näher. Die anderen gucken nur. Als sie mich bis auf wenige Zentimeter erreicht hat, werde ich Hunde-mäßig ganz genau und lautstark beschnüffelt.
Nachdem von mir scheinbar keine Gefahr ausgeht und ich wohl irgendwie interessant bin, setzt sich nun die ganze Herde in Bewegung und tappt auf mich zu. Ich bin nahezu umzingelt und die guten rücken mir mehr auf die Pelle als mir lieb ist. Verscheuchen wirkt nur kurz und ca. für einen halben Meter, der schnell wieder aufgeschlossen ist.
Da hilft alles nix, ich packe mal lieber, ziehe von dannen und lasse eine verdutzte Kuhherde zurück.


Schließlich geht es gen Norden hinab auf die Obere Pleißlingalm, wo die urige Südwiener Hütte steht. Bereits nach vier Stunden bin ich heute am Ziel und kann mich ganz den Kochkünsten der Wirtin hier widmen ;-)


Ein Mysterium kann ich aber auch an der Südwiener-Hütte nicht auflösen: Einer meiner Vorgänger auf dem Weg hat ca. 90% aller Kuhfladen systematisch einen Volltreffer verpaßt. Das Profil ist eindeutig und die Größe ist definitiv kein Kinderschuh. Mysteriös.

Die Südwiener Hütte, die nur im Mai und November zu ist, hat seit 10. Dezember des Vorjahres neue Pächter. Ein Ehepaar aus Saalfelden (wobei sie ursprünglich aus Rheinland-Pfalz stammt, aber österreichischen Dialekt assimiliert hat) hat sich Traum von Hüttenbewirtschaftung verwirklicht und die beiden sind wirklich sehr nett, engagiert und es gibt super Essen.
Ich schlemme mich ein Mal durch die Speisekarte und generiere die höchste Rechnung, die ich je auf einer Hütte hatte - aber es war es wert !


Begegnungen:
1 Murmeltier
1 schräge Kuhherde
1 große blaue Libelle
Auf der Hütte:
1 Drohnen-Pilot
1 ÖAV-Führer
1 Senioren-Leicht-Gepäck-Wanderer
7 Hannoveraner (3 Generationen)


2.000er:
Hirschwandsattel, 2.090
Hengst, 2.076

Montag, 17. Juli 2017

Tag 31: Schöne Grüße vom Yeti

Für einige war die Nacht wohl recht kurz: Als ich um 00:30 mal kurz für kleine Jungs gehe, sind gerade mal die Hälfte der Schlafsäcke der Gruppe, an denen ich vorbei komme, befüllt. Allerdings ist es nicht laut.
Für andere war die Nacht nicht sehr erholsam, da sie wegen Lärm kaum Schlaf fanden. Wieder andere ließen sich die ganze Sache nochmal durch den Kopf gehen: Morgens um kurz vor 7:00 war eine Angestellte gerade dabei die Sauerei auf der Herrentoilette zu beseitigen.

Ja, ja, der Alkohol.
Ich hatte eine ruhige Nacht mit 10 Stunden Schlaf. Nur recht kalt war es gewesen. Immerhin sind Hemd und Hose im Zimmer trocken geworden.

Es ist nun trocken draußen aber kühl und noch stark bewölkt.
Erst gegen 8:45 komme ich von der Keinprechthütte los (bin aber immer noch der erste der geht - die drei Jungs aus dem Burgenland sind noch nicht mal aus ihrem Zimmer gekrochen), obwohl heute eigentlich mal wieder eine Etappe mit neun Stunden ansteht.

Zur Krukeckscharte geht es gleich mal in Serpentinen ordentlich hoch und von dort weiter durch den Schnee über Geröll am Hang entlang zum höchsten Punkt für heute, an der Rotmandlspitze auf gut 2.450 Metern.
Dort am Grat erschrecke ich dann leicht von einem Husten, denn plötzlich stehen oberhalb von mir zwei Ungarn, die in die entgegen gesetzte Richtung unterwegs sind.
Wir tauschen uns kurz über die Wegverhältnisse aus und dann mache ich mich in die Serpentinen des Abstiegs.

Hier liegt deutlich mehr Schnee und der Schnee ist trockener und somit besser liegen geblieben. An die 20 Zentimeter liegen hier auf dem Weg, aber mit etwas Vorsicht läßt es sich den Pfad im zick-zack den Hang hinab wunderbar gehen.

Schon von Weitem kann ich von oben den Unteren Giglachsee und die oberhalb liegende Ignaz-Mattis-Hütte sehen.
Um kurz nach 12 Uhr komme ich dort an, optimales Timing zum Aufwärmen, Stärken und Pausieren.

Eine Stunde später mache ich mich wieder auf die Socken, denn bis Obertauern müßten es noch ca. 5-5,5 Stunden sein.


An der Giglachseehütte wenig später geht es also nur vorbei und nun gen Süden zum Znachsattel. Im Anstieg flattert plötzlich eine kaum Tennisball-große Flaumkugel an meinen Beinen vorüber und plötzlich ist ein großes Geschrei und Umherwuseln im Gange: Das Knäuel war wohl ein Schneehuhnküken und Vater oder Mutter Schneehuhn machen jetzt mit ganz viel Rabatz auf sich aufmerksam, um vom Küken abzulenken. Ich komme mit dem Foto kaum hinterher, so fix rennt das Schneehuhn aufgeregt hin und her und immer weiter meinen Weg entlang bergauf vom Küken weg.
Mit einem entgegenkommenden Paar, die das Prozedere auch gespannt beobachten, tausche ich mich noch ein wenig über Schneehühner, dies und das aus und dann geht es weiter zum Sattel.

Dort teilt sich der Weg in viele Richtungen.


Der 702er führt nun nach Westen an jeder Menge Dolinen vorbei, denn wir sind nun in Karstgebiet, bis hinauf zur Akarscharte. Dort habe ich erstmals seit mehreren Tagen stabilen Mobilfunkempfang und die Bodenkontrolle zu Hause hat mir zwischenzeitlich auch Zimmer in Obertauern klar gemacht.


Nachdem ich am Vortag an der Landawirseehütte bereits einmal kurz im Salzburger Land war, verlasse ich nun endgültig am Übergang die Steiermark und werde von der Sonne begrüßt.

An völlig trockenen Bachbetten - obwohl es ja die letzten Tage starken Niederschlag gegeben hatte - geht es vorbei, hinab zum Oberhüttensattel, der aber nur gen Südwesten gequert wird, wo ich durch Almgelände zum letzten Übergang für heute aufsteige, der Seekarscharte.

Von dort geht es am Hang entlang ins Skigebiet Obertauern, das bis auf eine Seilbahnbaustelle im Sommer arg verlassen ist. Einzig unzählige Murmeltiere toben sich hier im Sommer aus.

Es ist auch schon recht spät und ich sehe zu, daß ich ins Tal komme. Tal heißt hier die Passhöhe in Obertauern zu erreichen.

Ca. 90% der Hotels, Restaurants & Co haben im Sommer geschlossen bzw. werden gerade für den Winter umgebaut/erweitert.

Gegen 18:00 Uhr erreiche ich deutlich früher als erwartet mein Hotel. Hier hat es mal wieder Mobilfunk und Datenempfang, WLAN, eine heiße Dusche ohne Zeitbeschränkung und ganz viel Platz im Doppelzimmer zur Einzelnutzung.
Das ist zwischendrin auch mal ganz nett, bevor es morgen dann wieder auf die nächste Hütte geht ...

P.S.: Schöne Grüße vom Yeti muß ich noch ausrichten, den ich hier auf Sommerfrische traf und dem das aktuelle Wetter prima schmeckte ;-)


Begegnungen:
2 Ungarn
1 kleiner Frosch
Schneehuhnfamilie
Jede Menge Murmeltiere


2.000er:
Krukeckscharte, 2.3xx
Übergang an der Rotmandlspitze, 2.450
Znachsattel, 2.056
Akarscharte, 2.315
Seekarscharte, 2.022

Tag 30: Einsamer Mohikaner im Schnee

Die bereits letzten Sonntag im Alpenwetterbericht angekündigte Kaltfront macht alle Versprechungen nach Lehrbuch wahr: Die Gipfel rundum sind eingezuckert - als man auf sie mal kurz einen Blick erhaschen kann. Es ist kalt und weiterhin reichlich unwirtlich und naß vor der Tür.

Ich zögere den Abmarsch hinaus, aber irgendwann gegen 8:30 mache ich mich dann doch los und hoffe, daß der Übergang auf gut 2.300 Metern noch begehbar ist. Eine Stunde vorher hatten sich bereits die drei Niederländer auf die Socken gemacht, die ich gestern ja überholt hatte. Die meisten anderen sitzen noch abwartend und unschlüssig auf der Gollinghütte im Warmen.

So schlimm ist der Regen zuerst gar nicht: Auf knapp 1.700 Metern lassen sich die Temperaturen mit Anorak und Regenhose aushalten und die Niederschläge sind auch nicht extrem stark.
Daß allerdings am Rande des Kessels der Steinwenderalm am Talschluß ein Zelt steht, erstaunt mich dann doch und läßt mich gleich an die Hundehütte von Frank_Z denken. Aber in dieser Höhe, bei diesem Wetter und diesen Temperaturen ... ?!

Dann geht es über einen Pfad steiler und kontinuierlich bergauf in Richtung Gollingscharte. Der Übergang ist auf 2.326 Metern, die Sicht ist nicht gut, aber immerhin liegt sie bei ca. 50 Meter. Ab 2.100 Metern geht der Regen in Schnee über. Weitere 50 Höhenmeter höher, kommen mir drei schwarze Gestalten aus dem Schneetreiben entgegen: Einer der Holländer hat es mit der Angst zu tun bekommen und so haben sie noch vor der Scharte und wahrscheinlich nicht weit vor mir umgedreht, denn als ab 2.200 Metern immer öfter eine geschlossene Schneedecke die Steine bedeckt, sind keinerlei Spuren mehr zu sehen.

Der Schnee bleibt nun zunehmend liegen, allerdings sind es nur ca. 5 cm und es ist sehr naßer Schnee, der beim treten zu Matsch wird. Die Temperaturen liegen noch deutlich über der Nullgrad-Grenze und auch in der Nacht kann es hier nicht richtig kalt gewesen sein, da nirgends Eis zu finden ist und die Niederschläge sonst in mehr Schneehöhe hätten resultieren müssen.

Ich gehe also vorsichtig weiter und erreiche nach 2:15 h die Scharte. Dort hole ich doch mal Mütze und Handschuhe raus, denn nun sind die nassen Finger schon recht kalt geworden.
Der Blick in den Abstieg auf der anderen Seite gen Südwesten ist erstmal etwas abschreckend: Alles weiß, kein Weg oder Markierung sichtbar und deutlich mehr Schnee als auf meiner Aufstiegsseite.
Hinzu kommt im oberen Bereich offensichtlich ein zugeschneites Altschneefeld.

Laut GPS geht der Weg von der Richtung her über die Scharte weiter und beim Lesen des Geländes erscheint ein Abstieg über das Schneefeld in einer Geländerinne am plausibelsten.
Ich spure also vorsichtig bergab, denn der Neuschnee hat natürlich keine Bindung zum alten Schnee darunter, aber immerhin ist die Unterlage nicht steifgefroren, sondern relativ weich, so daß es sich gut gehen läßt.

Etwas tiefer ist dann der Weg wieder zu erahnen und ich spure vorsichtig durch den Schneesturm weiter bergab.

Auf 2.100 Meter ist der Spuk dann vorbei und ich kann auf der anderen Seite des großen Kessels sogar bei besserer Sicht nun die Landawirseehütte erkennen, die sich als Zwischenziel für eine Mittagseinkehr und Zwischentrocknung anbietet. Zuerst gilt es noch, Göriachwinkel abzusteigen und von dort über den Fahrweg bis zur Hütte wieder aufzusteigen. Unterwegs kommt mir eine kleine Herde Schafe entgegen. In Island markiert das wohl das Ende des Sommers, wenn die Schafe von sich aus, vom Berg kommen.
Nun, hier will das hoffentlich nichts heißen, denn ich erwarte den Sommer ja in den nächsten Tagen zurück !

Kurz nach 12 Uhr erreiche ich die gut eingeheizte Hütte mit extra Trockenstange und Kleiderbügeln am Kachelofen und die Schuhe darf man auch noch obendrauf stellen.

Bei einem Kaiserschmarrn läßt es sich gut aushalten.

Eine knappe Stunde nach mir erscheinen dann auch noch Katja und Mann, die beiden Speed-Österreicher, die sich doch noch dazu durchgerungen hatten, durch das schlechte Wetter der einsamen Spur des einsamen Mohikaners durch den Schnee in 2,5 Stunden von Hütte zu Hütte zu folgen. Zwischenzeitlich hatten sie sich wohl gefragt, was sie da eigentlich machen, sie hatten auch keine Ahnung, wie hoch sie waren und waren über meine Spur extrem dankbar, denn sonst hätte die Wegfindung wohl eine Herausforderung darstellen können.

Wir waren dann die einzigen drei, welche an jenem Tag über die Gollingscharte sind, denn alle Aspiranten in die Gegenrichtung waren auf der Landawirseehütte gestrandet.

Gegen 15:00 Uhr muß ich mich doch mal auf den Weiterweg über die etwas niedrigere und schneefreie Trockenbrotscharte machen. Anfangs sehe ich die beiden Österreicher noch vor mir, später nur noch aus der Ferne und als ich auf der Keinprechthütte ankomme, bekomme ich nur noch schöne Grüße von den beiden ausgerichtet, da sie nun doch - entgegen der letzten Pläne - weiter gegangen sind.

Die Hütte ist etwas kleiner und richtig voll, da wohl eine richtig große Gruppe mit um die 20 Leute da ist. Ich bekomme ¨nur¨ ein Zimmer. Nicht schlimm :-)

Bis auf Wanderhose und Hemd hatte ich zwar schon alles auf der Landawirseehütte mal trocken bekommen, aber mittlerweile sind die Sachen bzw. die gewechselte zweite Wanderhose auch noch am Bund naß.


Kurz kann man nun immer wieder blauen Himmel sehen, aber frisch ist es draußen. Mal sehen, wie morgen Früh der Wetter- und der Trocknungs-Status ist, denn einen Kachelofen und Trockungsmöglichkeiten hat es hier nicht und das Zimmer ist auch recht frisch.



Begegnungen:
3 Niederländer (entgegen kommend)
8 Schafe (entgegen kommend)
Katja und Mann
Bäuerin mit Wanderpartner
2 Murmeltiere
3 Kaninchen (freilaufend an der Hütte)


2.000er:
Gollingscharte, 2.326
Trockenbrotscharte, 2.237