Montag, 11. September 2017

Tag 74: Das Ende am Stein

Das letzte Hüttenfrühstück am Zentralalpenweg 02 auf der Feldkircher Hütte ist opulent: Inklusive weich-gekochtem Ei, O-Saft und einer Wurst-Vielfalt sitze ich am Gartentisch unter dem Sonnenschirm und blicke hier am westlichen Ende Österreichs verträumt hinab ins weite Tal gen Osten.

Irgendwo dort hinten in der Ferne, ca. 600 Kilometer Luftlinie und mehr als doppelt so viele Kilometer zu Fuß entfernt, war ich vor mehr als 10 Wochen an der Donau zu meinem Weg zum, am und immer wieder auch über den Alpenhauptkamm gestartet und nun befinde ich mich nach knapp 70.000 Aufstiegsmetern auf einem Hügel am Rande des Rheintals.

Weil ich die Chauffeuse dorthin geschickt hatte, wo der Pfeffer wächst, und sie erst gestern Nachmittag wieder aus Madagaskar zurück gekommen ist, meine ich heute Morgen noch jede Menge Zeit vertrödeln zu können, da das Fräulein A. aus Erlangen ja erst noch anreisen muß - schließlich sollte ich ja unterwegs schon mindestens zwei Tage vertrödeln, da sie mich gerne abholen würde.

Nun, das war dann wohl insgesamt mal eine Punktlandung: Diese beiden Tage hatte ich ja bereits in der ersten Woche im Burgenland/Niederösterreich durch Etappen und Pausentag "heraus geholt".
In den folgenden neuneinhalb Wochen hielten sich dann heraus gelaufene Tage sowie Rückschritte und steinerne Treffen derart die Waage, daß es bis zum Ende bei der anfänglichen Verschiebung blieb.

Die SMS-Nachricht, daß sie bereits in Illertissen sei, sollte mich dann - neben den späteren Temperaturen talwärts - nochmal ordentlich ins Schwitzen bringen: Also nix wie Rucksack packen und Abmarsch !


Gen Norden führt ein steiler Pfad durch den Wald in Serpentinen hinab. Nach einer Weile wird die Orientierung an Hand der Wegweiser nochmal etwas spannend (keine zu sehen), aber Dank GPS kann auf der erreichten Forststraße flott wieder der zugewachsene Einstieg in den weiteren Pfadverlauf gefunden werden.


Längst bin ich deutlich unter 1.000 Metern unterwegs und am Waldrand in feuchten Bereichen lassen fliegende Blutsauger das Tempo noch einmal deutlich beschleunigen - nur nicht stehen bleiben ist ein letztes Mal die Devise. Kurz danach ist Fellengatter erreicht und Felsenau nur wenig später durchschritten. Noch ein Mal geht es durch den Wald, anschließend - nach einem kurzen Stück Straße - führt die Route durch einen Hohlweg (hier kommt mir das letzte Wander-Pärchen dieser Tour im Aufstieg entgegen) direkt hinab nach Feldkirch.



Durch den aus dem Frühjahr bekannten Park geht es bei Traumwetter mit Blick auf die Stadt bis an den Fluß Ill:


Via Brücke spaziere ich hinüber zu der Grünanlage, wo sich der (für manch einen Zeitgenossen nicht auffindbare) Endstein des Zentralalpenwegs - und Fräulein A. - befindet, denn merke (insbesondere auch ZeitgenossInnen in der Alpenrepublik):
Eine österreichische Fernwanderung auf einem der WWWs (Weit-Wander-Wege) beginnt oder endet nie IN Stein (dort, im Pfitschertal kommt man statistisch gesehen nur zufällig gehäuft vorbei), sondern eher AM Stein :-)


Nach nur 1,5 Stunden endet damit am Montag, 28. August 2017 um 11:15 Uhr nach 69 Wandertagen (ursprünglicher Plan: 10 Wochen) die letzte (und damit kürzeste) Etappe meines Sommer-Ausflugs 2017 nach 33 doppelseitigen Landkarten-DIN-A4-Seiten quer (also eigentlich längs) durch Österreich (mit Stippvisiten in Südtirol, der Schweiz und Liechtenstein) als Throughike auf dem 02er (bzw. meine Gletscher-, Kletter- und Überfüllungs-freie Interpretation davon).


Am Abend kommt dann kurzfristig noch Besuch aus der Schweiz: Nachdem das Mitwandern an einem Terminmißverständnis (ich war quasi eine Woche zu früh an der Schesaplanahütte) scheiterte, freut es mich um so mehr, daß Sybille und Daniel zum Nachtessen extra bis nach Feldkirch auf die Schattenburg angereist sind.


In den nächsten Tagen wird dann erfahrungsgemäß die physisch größte Herausforderung einer solchen Fernwanderung kommen:
Den Körper (insbesondere die Knie) wieder ans Herumsitzen am Schreibtisch zu gewöhnen und ein paar andere Sachen (z.B. Daten für mögliche Nachwanderer und Fotos für anderweitig Interessierte aufzubereiten) gilt es ja auch noch zu erledigen ...


Begegnungen:
Fräulein A.
Mountain + Fantasy

Sonntag, 3. September 2017

Tag 73: Nochmal das volle Programm

Fräulein A. hatte mich bereits vor einigen Wochen darauf hingewiesen, daß es doch nur bedingt sinnvoll sein könne, am Ende einer Etappe, ein paar Hundert Höhenmeter zu einer Hütte abzusteigen und am nächsten Morgen auf demselben Weg mühevoll wieder nach oben zu kraxeln.

Nun, bevor ich als (völlig) beratungsresistent gelte, habe ich mir das natürlich mal genauer angesehen und durchdacht, ob es am Ende der heutigen Etappe wirklich keine Alternative zum Abstieg zur Gafadurahütte gibt. Interessanterweise erwähnt Band II des OeAV-Führers keine Alternative, Band III allerdings schon: "Konditionsstarke Wanderer werde direkt der Feldkircher Hütte zustreben, um sich am nächsten Tag den Wiederaufstieg zum [Saroja-]Sattel zu ersparen"

Wenn nicht jetzt - am Ende meiner knapp 10-wöchigen Wandertour, wann dann könnte ich "konditionsstark" von mir behaupten ?
Eine kurze Delta-Rechnung ergibt ca. 1 Stunde effektiven Mehraufwand und somit unter dem Strich eine Gesamt-Plan-Gehzeit von ca. 10,25 Stunden, wobei ich zuletzt ja immer etwas schneller als die Planzeiten im Führer unterwegs war, denn die Kondition ist das eine und das andere, daß mein Rucksack nur noch 14 Kilogramm plus 0,5-2,5 Liter/Kilo Wasser wiegt.

Nichtsdestotrotz bin ich am Vorabend richtig früh ins Bett gegangen und heute beim Frühstück (leider erst) ab 7:00 Uhr recht flott, so daß ich mich bereits 45 Minuten später als erster von der Hütte auf den Weg mache.

Es soll heute auch großteils bedeckt und somit nicht zu heiß sein.


Mein heutiger Weg ist teils deckungsgleich mit der Roten Via Alpina und für vom Bettlerjoch erstmal bergab gen Westen, bevor dann in die heute vorherrschende Richtung Nord eingeschwenkt wird.

Gams und Murmeltiere begegnen mir bereits auf den ersten Metern, dann ein paar Einheimische und schließlich zwei deutsche Fernwanderer, die seit 2010 jedes Jahr eine gute Woche zusammen auf der Roten Via Alpina unterwegs sind: Den Ostteil von Oberstdorf bis Triest haben sie bereits abgeschlossen und nun sind sie auf dem Westteil von Oberstdorf nach Monaco unterwegs. Bis sie am Exotischen Garten in Monaco zum Eintrag ins "Goldene Buch" der Via Alpina eintreffen, werden zwar noch ein paar Jahre vergehen und viel Wasser die Po-Ebene durchfließen, aber ich Wünsche ihnen natürlich trotzdem alles Gute und auf daß sie meinen Eintrag vom 15. September 2014 dann lesen mögen !

Auf dem Weg am Osthang entlang in Richtung des Berggasthofs Sücka kommen mir dann noch einige Wanderer entgegen. Dort wäre also auch eine Unterkunftsmöglichkeit gewesen, die die gestrige und die heutige Etappe etwas ausgewogener hätten gestalten lassen können.

Kurz danach muß ich mich nach einer ersten kurzen Pause für den heutigen Tag entscheiden: Durch den Tunnel gehen oder nicht ?!


Ich gehe durch den Tunnel und dann über einen netten Weg durch den Wald am Hang entlang gen Silum. Die entgegen kommenden Mountainbiker lasse ich immer großzügig passieren - es läuft einfach gut: Unter mir liegt das Rheintal, über das immer mal wieder an lichteren Stellen mein Blick gen Norden (Liechtenstein) sowie Süden schweift und ich bin quasi kurz vor dem Ziel, wenn man den Gesamtweg des 02ers betrachtet.


Etwas später gibt es dann einen Dämpfer: Recht heftiger Regen setzt ein.
Also Rucksack als auch den Wanderer ein- und den Foto wegpacken.

Als ich gerade nahezu fertig bin, kommt eine junge, vermutlich Schweizer Wanderin entgegen: Kurzes Oberteil, kein Regenschutz, großer Rucksack und bester Laune.
Der Rucksack qualifiziert sie umgehend als potentielle Fernwanderin und wirklich: Gestern in Feldkirch gestartet, in der Nähe der Garsellaalpe im Zelt mit Erlaubnis des Senners übernachtet, plant sie zwei Wochen gen Graubünden zu gehen. Wir fachsimpeln noch ein wenig und sie ist sich recht sicher, daß das Wetter heute noch ganz gut halten wird.

Am Ende sollte sie ziemlich recht behalten: Es kommt zwar immer mal wieder ein ordentlicher Schauer im Laufe des Tages herunter, aber es regnet sich nicht ein.

Kurz nach Ende unserer Unterredung, ziehe ich Anorak und Regenhose auch schon wieder aus, da es aufgehört hat zu regnen und es mir zu warm wurde.

Über eine Almstraße geht es hinauf zum Bargällasattel und nach einer kurzen Mittagspause nordöstlich auf die Hellwangspitz zu. Durch den schmalen Durchgang im Fels am Alpspitzsattel komme ich auf mächtig als breiten Fußweg ausgebaute und befestigte Serpentinen, wo mir sehr viele Tageswanderer entgegen kommen und ich aufpassen muß, daß ich keine Steine lostrete, die diesen unterhalb gefährlich werden könnten.
Am Garsällisattel stoße ich dann wieder auf den Hauptweg, der nun auf die Gafleispitz am Hang entlang zu führt.

Die Latschen links und rechts des Weges sind hier extrem großzügig auf ca. 2,5 Meter Breite frei geschnitten, so daß sich der Pfad gefühlt wie eine Autobahn gehen läßt (der Ortsansässige Pepi hatte mir früher wohl schon mal von dieser sehr beliebten Liechtensteiner Route erzählt), nur wenn Gegenverkehr kommt, muß man mal kurz langsam machen und aneinander vorbei. Während genau solch eines Passiervorgangs mit nettem Grüßen erschrecken sowohl das mir entgegen kommende Paar als auch ich uns fast zu Tode: Direkt hinter mir bricht ein Rebhuhn aus den Latschen und fliegt davon.
Mensch sind wir erschrocken ! - Und ich dachte bisher immer, nur ich sei so schreckhaft bei unerwarteten Begegnungen ;-)

Am Gipfel des Kuegrats - der Name ist hier leicht irreführend - treffe ich noch drei Vorarlberger, die heute am Sonntag ausnahmsweise mal auf Auslandstour sind. Schnell (dunkel Wolken sind mittlerweile vermehrt aufgezogen) nutzen wir noch die Gelegenheit, Fotos von einander am Gipfelkreuz anzufertigen - es wird für mich wohl eine ganze Weile das letzte Gipfelkreuz gewesen sein.


Dann geht es immer wieder am Grat entlang und teils über Drahtseil-gesicherte Passagen auf den Garsellakopf zu, wo unweit die Grenze zu Österreich verläuft.

Zwischenzeitlich hat der Wind deutlich aufgefrischt und ein heftiger Schauer läßt mich (mal wieder) zu Anorak und Regenhose greifen. Der Weg fordert auch nochmal, auch wenn teilweise betonierte Stufen das Kraxeln auf und ab erleichtern.

Jenseits des Garsellakopfes kommt dann die letzte entscheidende Abzweigung: Entweder geradeaus weiter über die Drei Schwestern mit noch mehr Kraxeln, Metallsicherungen und Leitern oder gen Osten über die Garsellaalpe den letzten Felsstock meiner langen Wanderung umgehen ?


Der Blick nach oben in den schwarzen Himmel, läßt nur eine logische Schlußfolgerung zu: Möglichst rasch zur Alpe auf unter 1.800 Metern absteigen und die Umgehung zum Sarojasattel nutzen.

Die Entscheidung war wohl genau richtig: Gerade als ich an der Ecke unterhalb des letzten Gipfels vorbeigehe, bricht das Gewitter los. Es hält zwar nicht sehr lange an, aber ich bin froh, unter diesen Bedingungen nicht 400 Meter höher ausgesetzt mit jeder Menge Stahl im Klettergelände zu hängen.

Der Weg am Waldrand entlang zum Sarojasattel und von dort hinab zur Alpe ist auch nochmal eine Herausforderungen und ich vermisse wie auf dem Blankeis am Gliederferner (Tag 51) meine Steigeisen. Gletscher(reste) hat es hier natürlich keine, aber von Hunderten Füßen und Kühen festgetrampelter Lehm, der nun auf der Oberfläche schmierig feucht ist, in Kombination mit Gefälle läßt sich bergab in etwa so lustig begehen, wie eine mit Schmierseife bestrichene Holzrampe :-(

Die Knochen bleiben heil und die Klamotten sauber, aber gefühlt glichen meine Bewegungen einem Tanz mit/auf rohen Eiern - Dank der fortgeschrittenen Stunde und des nur mehr subotpimalen Wetters halten sich die (menschlichen) Beobachter aber stark in Grenzen um nicht zu sagen, deren Anzahl dürfte sich vermutlich asymptotisch Null angenähert haben.


Ein paar Kilometer gilt es dann ab der Alpe noch auf einer geschotterten Fahrstraße durch Almgelände und Wald und nochmal Almgelände bis hinab zur Amerlugalpe zu gehen, hinter der am Waldrand sich das heutige Tagesziel versteckt.

Nach einer Gehzeit von 8 Stunden für eine Etappe, die nochmal das (nahezu) komplette Bergprogramm in Ausschnitten geboten hatte, erreiche ich die Feldkircher Hütte der Naturfreunde in Vorarlberg auf 1.200 Metern für die letzte Übernachtung meines Österreich-Ausflugs 2017.

Über Nacht bin ich zwar (zum Ende mal wieder) der einzige Gast, aber am frühen Abend sind noch ein paar Steuerflüchtlinge aus Liechtenstein (Renato, der Hoch-/Skitouren-Geher mit Job in Liechtenstein, und seine Frau sind aus Vorarlberg ausgewandert, um sich die Null zu sparen: 5 statt 50% Steuer - von wegen Null-Summen-Spiel ;-) und ein Bekannter zu Gast, die sich sichtlich erstaunt über meine Tour zeigen.
Nun, für mich wären halt die 4.000er von Renato nichts - einem jedem Tierchen sein Plaisierchen :-)


Begegnungen:
1 Gams (Liechtenstein)
3 Murmeltiere
2 Rote-Via-Alpina-Wanderer
1 Schweizer Graubündenwanderin
1 Riesiger Schwarz-Specht
1 Rebhuhn
3 Vorarlberger
1 Gams (Vorarlberg)
Kühe
Schafe
Ziegen
Renato, Frau + Kumpel


2.000er:
Kuegrat, 2.123
Garsellakopf, 2.105

Mittwoch, 30. August 2017

Tag 72: Einmarsch in den achten Alpenstaat

Heute gehe ich erst 30 Minuten später zum Frühstück, denn bei einer planmäßigen Gehzeit bis zur Pfälzer Hütte von nur 3,5 Stunden, wäre ich sonst ja bereits deutlich vor Mittag am Ziel.

Da heute Samstag ist und bei dem blendenden Wetter alle Hütten im Umkreis längst ausgebucht sind, wird es auch nochmal spannend, aber die Hütte an der Österreichisch-Liechtensteiner Grenze ist eigentlich alternativlos für mich, denn morgen steht zum Abschluß nochmal eine richtig lange Etappe mit mehr als 10 Stunden Gehzeit an.

Nach ordentlich Trödelei mache ich mich letztlich um 8:30 Uhr auf den Weg am Hang entlang in Richtung Kleine Furka (Salarueljoch). Nachdem es nachts geregnet hatte, morgens wieder blauer Himmel war, ist es nun bedeckt.

An der Abzweigung unterhalb der Kleinen Furka sehe ich schon aus der Ferne zwei Leute sitzen. Als ich näher komme, sehe ich, daß es die beiden Damen aus der Pfalz von gestern sind: Sieglinde und Tatjana.

Nach kurzer Unterhaltung spazieren wir gemeinsam hinüber zur Großen Furka (Hochjoch), wo wir wieder von der Schweiz nach Österreich wechseln. Tatjana hat auch eine Ausbildung zum Wanderleiter bei den Naturfreunden gemacht und war vor dieser Tour mit einer Gruppe aus der Pfalz in den Bergen unterwegs gewesen und Sieglinde stammt eigentlichen aus dem Großen Walsertal und ist in Feldkirch zur Schule gegangen.

Die beiden haben kurz vorher Ihre Reservierung auf der Pfälzer Hütte storniert und wollen gleich noch in den Nenzingerhimmel absteigen, um dann mit dem Wandertaxi aus dem Tal hinaus und zurück zum Auto zu fahren.

Damit steigt natürlich meine Hoffnung auf einen Schlafplatz - wirklich zuvorkommend die beiden, wie gestern schon mit der Duschmarke :-)


Als die beiden nochmal pausieren, gehe ich gleich weiter den Liechtensteiner Höhenweg/die Via Alpina bzw. den 02er zur Hütte, die dann schon auf Liechtensteiner Grund liegt (ca. 2,5 Meter), und bin schon um 11:30 vor Ort. Der junge Mann an der Kasse ist zwecks Unterkunft erst sehr skeptisch - trotz meines Arguments, daß ja erst vor einer guten Stunde zwei Plätze frei geworden sein müßten. Aus dem Hintergrund (vermutlich von der Chefin) kommt aber aus dem Off der Kommentar: Ein Lager ist kein Problem.


Super ! Und noch dazu bekomme ich meine einzeln aufgebockt stehende, ca. 1,20-Meter-Matratze umgehend zugeteilt (in den Stockbettenlagern rings um, müssen sich immer zwei Personen eine solche Matratze teilen).

Nun bin ich im Laufe der letzten Jahre quasi zu Fuß in alle acht Alpenstaaten "einmarschiert" - Spazieren war ich in Vaduz zwar schon ein Paar Mal (zu Besuch bei Pepi71 & Co), allerdings noch nie so richtig oben in den Bergen und bis dato war ich immer mit dem Auto angereist.



Begegnungen:
1 junger Rehbock
Sieglinde und Tatjana, die beiden Damen aus der Pfalz


2.000er:
Große Furka/Hochjoch, 2.353
Bettlerjoch, 2.108

Tag 71: Auf den Spuren des älteren Herrn

Kurz nach der Lindauer Hütte kommt im Sporentobeltal die Obere Sporaalpe, wo ja der Sohn der Würzburger aushilft. Ich habe zwar nicht vergessen, daß ich liebe Grüße von den Eltern ausrichten soll, aber als ich am frühen Morgen die Alm passiere, ist zwar Musik zu hören, allerdings keine Menschenseele zu sehen. Wahrscheinlich sind alle irgendwo in den hinteren Gebäuden zu Gange ...

Bald wird aus dem Fahrweg ein Pfad der zwischen den Murmeltieren hindurch, bergan zum Öfapass führt. Mit Blick auf das Joch gegenüber kann ich die Zeitangabe am Übergang bis zum Schweizer Tor kaum glauben, wobei sich das schnell aufklärt: Geradeaus gen Westen geht es nach der Zollwachhütte hinauf zum Verajoch, das Schweizer Tor - durch welches ich heute nach Süden über die Grenze gehen will - hat sich hinter den felsigen Ausläufern der Drusenfluh versteckt und ist ein, nur wenige Meter entfernter, schmaler Durchgang zwischen jener und den Kirchlispitzen, also wirklich schnell erreicht.


Auf der schweizerischen Südseite der Felskette gilt es dann erstmal einen riesigen Bogen gen Südosten am Hang entlang zu gehen und nach einer Kehre einige Höhenmeter darunter zurück, denn der direkte Weg zur Überwindung der Felsstufe ist nicht mehr markiert und als sehr gefährlich angeschrieben.


Nach Westen steigt der Weg dann zum nächsten möglichen Übergang, dem Cavelljoch an, das von mir dann mit Blick hinab auf den Lüner-Stausee in Österreich gequert wird.


Die Sonne brennt heute richtig vom Himmel und so bin ich nach einer weiteren Pause froh, jetzt dem Rätikon-Höhenweg-Süd (deckungsgleich zur Via Alpina) weiter am Hang entlang, insgesamt leicht absteigend folgen zu können.


1,5 Kilometer vor der Schesaplana-Hütte, dem heutigen Ziel, bekomme ich, nach mehreren vergeblichen Versuchen seit gestern Morgen, auch endlich mal die Reservierungs-Webseite der Hütte MIT Inhalt zu Gesicht:
OK, Zimmer alle voll, noch 4 Lagerplätze verfügbar.
Oh, Online-Reservierung nur bis 18 Uhr des Vortages möglich.
*Argh*

Als ich wenig später an der Hütte ankomme, ist die Niederösterreicherin an der Theke aber ganz entspannt: Sie kriegen mich schon noch unter, sie weiß nur NOCH nicht wo. Das ist für mich natürlich kein Problem, also Rucksack erstmal im Nebengebäude in der Nähe der Schuhe geparkt.
Als sie hört wo ich zu Fuß herkomme, erzählt auch sie mir (wie beispielsweise schon die Chefin in Praxmar), daß unlängst ein älterer Herr aus dem Burgenland (ja, genau, der mit der Augenverletzung) hier vorbei gekommen ist.
Interessant: Der Herr ist also im zweiten Abschnitt wahrscheinlich auf der 02A-Route gegangen (da ich dort auf der Hauptroute zumindest nichts von ihm gehört habe) und hier, augenscheinlich genau wie ich, in die Schweiz, kurz abseits des 02ers gewechselt, um die Schesaplana zu umgehen.

Zwei Damen aus der Pfalz (eine ursprünglich aus dem Großen Walsertal stammend) sind auch schon am frühen Nachmittag hier (Respekt: sie sind den 1.000-Hm-Knochenbrecher-Weg direkt von der Schesaplana abgestiegen und irgendwie stöhnen alle, die diesen Weg gegangen waren). Sie machen jedes Jahr mindestens eine Mehrtages-Hüttentour und wir sind uns einig, wie erholsam das unmittelbar ist. Eine der beiden spendiert mir vor der netten Unterhaltung sogar noch eine überzählige Duschmarke. - Ich hoffe, ich hatte es nicht gar so nötig ;-)

Was auf der Theke wie ein gedeckter Apfelkuchen aussieht, wird mir als Bündner Nußtorte vorgestellt. OK, probiere ich auch. Der Kuchen entpupt sich als die erste mir bekannte und zu meinen subjektiven Vorlieben kompatible Form der Verarbeitung von ganzen Walnüssen. Den mir alternativ für etwas später (noch im Ofen) in Aussicht gestellten Kuchen mit Pflaumen, ordere ich gleich mal präventiv, vorab additiv für den Zeitpunkt unmittelbar nach verlassen des Rohrs :-)

Derart gestärkt halte ich sicher bis zum Nachtessen durch, auf meiner ersten Hütte einer Sektion (Pfannenstiel) des Schweizer Alpenvereins (SAC/CAS). Nur eine Sache habe ich auch nach Internet-Recherche noch nicht endgültig verstanden: "Die Schesaplanahütte ist keine offizielle schweizerische SAC Hütte, sondern eine sektionseigene SAC Hütte."

Für das Abendessen nimmt die Wirtin noch mehrere Umsetzungen vor (ich allein wechsle vier Mal den Platz - ist mir aber völlig egal, solange ich etwas zu Essen bekomme - SONST könnte ich wirklich unentspannt reagieren ;-), damit letztlich alle Gäste auf der Terasse auf gut 1.900 Metern am Südhang einen Sitzplatz haben und dann werden wir mit drei Gängen versorgt.


Begegnungen:
4 Murmeltiere
1 Alpensalamander
1 Birkhuhn
2 Damen aus Landau aus der Pfalz (Sieglinde und Tatjana)


2.000er:
Öfapass, 2.291
Schweizer Tor, 2.137
Cavelljoch, 2.239

Tag 70: Ein Bißchen Schweiz und eines zu viel

Hotel-Frühstück-bedingt starte ich wieder einmal erst nach 9 Uhr und es ist ein sonniger Tag und schon richtig warm. Heiß wird mir dann bereits nach wenigen Metern, da es gleich ab der Hoteltür über die Wiese bergauf geht.

Nach ein paar Minuten führt der Pfad in den Wald und dann bis zu ein paar Almen durch den Schatten der Bäume. Nach und nach werden die Wiesen/Weiden immer mehr und die Bäume immer spärlicher bis kurz vor der Oberen Röbialpe auf gut 1.900 Metern die Bäume ganz passé sind.

Der Weg führt von dort in einem Bogen nach Norden, um die Ausläufer des Brostkopfes herum und dann gen Nordwesten, immer am Hang entlang in ein wunderschönes Tal auf traumhaftem Weg.


Unterhalb der Scharte, links oben am Ende des Tals macht der Weg noch eine große Kehre, bis ich wenig später an der Schweizer Grenze am Sarotlajoch stehe.


Der Weg führt nun 15 Minuten durch die Schweiz fast auf einer Höhe hinüber zum Plasseggenpass, wo Österreich bereits wieder erreicht wird.


Hohe weiße (Kalk-)Felsen säumen nun den Weg, der etwas an Höhe verliert, bevor es kurz vor dem Grubenpass wieder etwas steiler bergauf geht.


An einer Wegkreuzung kurz vor dem Pass, treffe ich einen älteren Herrn, der von der Lindauer Hütte (meinem heutigen Ziel) nach Gargelen (meinem heutigen Start) gehen will und mich nach dem Weg ausfragt. Ich kann ihn beruhigen: Super Wege und nicht so steil.
Er war gestern nämlich nach einer Pause an einer Abzweigung in ein falsches Tal gegangen, hatte insgesamt 2,5 Stunden verloren und war erst um 21 Uhr auf Hütte angekommen.

Ich gehe weiter und wundere mich, daß ich nochmal in die Schweiz komme. Als der Weg richtig steil bergab geht, kann ich es nicht glauben und ein Blick auf das GPS verrät: Vor lauter Labern und Gedankenlosigkeit war ich jetzt auch falsch gegangen. Aber nur ein paar Minuten.
Also zurück zur Abzweigung und den unscheinbaren Pfad an einer alten Zollwachhütte der Österreicher vorbei zwischen den Felsen hindurch gen Norden.

Nachdem die Felsen den Blick wieder frei geben, kann ich bis zu den Nördlichen Kalkalpen schauen, auch die Tilisunahütte im Nordwesten kommt bald in den Blick und ist bald erreicht.

Für einen verspäteten Mittagssnack ist die Hütte in jedem Fall gut: Tagessuppe ist diesmal mit Leberspätzle.

Dann folgt noch der Endspurt zur Lindauer Hütte. Dazu gilt es erst wieder ein paar Höhenmeter bis zur Schwarzen Scharte gut zu machen, bevor der Pfad erst Steilhang des Bilkengrats entlang führt, bis er in Serpentinen im Westen am Buckel hinab bis auf unter 1.700 Metern führt.
Im Aufstieg kurz nach der Hütte waren mir zwei kleine Mädchen rennenderweise entgegen gekommen. Der Papa, der gemütlich hinterher läuft, meint aber, daß sei nur, weil jetzt die Hütte in Sicht und die Anspannung abgefallen sei, die entstanden war, als die beiden vorher mit Stahlseilpassage konfrontiert waren und erstmal nicht so richtig weiter wußten.

Am Fuß der beeindruckenden Tramrosa-Felswand führt der Weg entlang und in den Porzalengawald, wo einige Höhenmeter bis zur Lindauer Hütte wieder aufzusteigen sind.

Die Hütte sieht sehr neu aus, ist riesig, aber die Organisation ist augenscheinlich klasse und man fühlt sich trotzdem willkommen. Im zweiten Stock bekomme ich eine separate Matratze in einem sehr großzügig angelegten 7er-Lager, das mehr Steckdosen aufweist als Matratzen. Sehr modern !

Ein traumhafter Tag geht auf der Lindauer Hütte zu ende, während draußen am Abend dicke Wolken ins Tal ziehen.

Am Abend teile ich mir den Tisch erst mit einer österreichischen Ärztin, die ihre Praxis für ein Jahr an einen pensionierten Kollegen geben und in Neuseeland praktizieren will, sobald die Tochter (trockene Kartoffeln auf Heu und dazu Salat wäre mir ja etwas mager und einseitig für bergsportliche Aktivitäten) in zwei Jahren die Matura in der Tasche hat.

Später habe ich dann ein interessantes Studentenpärchen an meinem kleinen Tischchen zu Gast: Sie aus Ravensburg, er aus Worms und zusammen waren sie erst auf der Alpe einer Freundin unterwegs und haben dann gleich mal die Älplerin ins Krankenhaus gefahren und sind beim Kühe-Zählen & Co spontan eingesprungen (sie hatte da - Gott sei Dank - schon Erfahrung, weil sie früher schon mal auf der Alm geholfen hatte), sind jetzt auf einer kleinen Hüttentour und fahren dann mit dem VW-Bus noch ein paar Wochen kreuz und quer durch Italien (für Venedig konnte ich hoffentlich ein paar hilfreiche Tipps beisteuern). Viel Spaß, Ihr zwei !


Begegnungen:
3 Hausschweine auf der Alm
2 große Libellen
Älterer Herr vom Grubenpass-Abzweig
2 Adler
Österreichische Ärztin mit Tochter
Studentenpärchen (sie aus Ravensburg, er aus Worms)


2.000er:
Sarotlajoch, 2.389
Plasseggenpass, 2.354
Grubenpass, 2.241
Schwarze Scharte, 2.336

Tag 69: Es dröhnen die Ohren

Erneut eine kurze Etappe, man will ja nichts überstürzen, um nicht doch noch zu früh am Ziel zu sein und Ärger mit der Chefin zu bekommen.

Dementsprechend nutze ich nach dem Frühstück noch die Gelegenheit, Hans als lokalen Experten in dieser Sache zu befragen.


Seit ich gestern nämlich so richtig nach Vorarlberg kam, hatte ich mich über Wegweiser und Markierungen gewundert: In ganz Österreich (sonst) und den Bayerischen Alpen gibt es seit etlichen Jahren gelbe Metallwegweiser mit schwarzer Schrift (optimaler) Kontrast, farbliche Kennzeichnung der Berg-Wege auf den Schildern (roter oder schwarzer Punkt) und Farbmarkierungen in rot-weiß-rot (soll wohl Weg zwischen rotem Rahmen symbolisieren, der eben nicht verlassen werden soll) oder rot-weiß.
In Vorarlberg ist alles anders: weiß-rot-weiße Markierungen oder noch das alte Kaminrot statt der modernen leuchtenden Farbe und graue Wegweise an grauen Pfählen vor grauen Felsen (SUPER !). Von Wegnummern hält man hier auch ... NULL Komma NIX und die Schwierigkeitsgrade der Wege werden augenscheinlich schweizerisch farb-kodiert: gelb, rot, blau - die Skalen unterscheiden sich natürlich nicht nur in Farbe, sondern auch in abstufender Bewertung. Klar.

Mir erscheint das nicht gallisch heroisch, wie bei Asterix und Obelix, sondern - sorry - einfach nur total deppert.

Die Begründung des Ganzen, die ich dann aus mißbilligendem aber notgedrungen akzeptierendem Munde von Hans vernehme, bestärkt mich nur in meinem Eindruck: Die Vorarlberger sind sich mit den Tirolern nicht einig geworden. Wohlgemerkt: Es gab wohl keine Argumente, der Rest Österreichs und Bayerns spielte keine Rolle, man hat nicht mal die Schweizer Variante komplett übernommen (dunkel-gelbe Schilder), sondern einfach nur seine Abneigung zu den benachbarten Tirolern gepflegt.

Die Nürnberger würden sich wohl genauso trotzig (wie kleine Kinder) verhalten, wenn ein Fürther Vorschlag in ganz Bayern auf Grund objektiver Tatsachen Anklang und Umsetzung (außer eben in Nürnberg) fände.

Klein-karriert ? Richtig !


Dann geht es aber endlich los: Das Talende wird im Bogen auf nahezu gleicher Höhe umrundet und anschließend führt der Pfad nach einer Zollwachhütte hinauf zum Mittelbergjoch, wo ich auch die beiden Gruppen vor mir überholt habe.


Mit den vier Madrilenen (einer davon Deutscher) komme ich dann am nächsten Übergang (Vergaldner Joch) nur wenig später noch ins Gespräch. Normal sind sie sogar zu sechst unterwegs, aber bei diesem Ausflug nach Österreich (erst Hüttentour zu Fuß, dann noch mit dem Auto zum Sightseeing durchs Land) sind sie mal nur in kleinerer Besetzung unterwegs.



Ich steige von hier komplett ins Vergaldatal ab. Dabei klingen mir aber die Ohren: Alleine an den drei Grashängen des Talschlußes zähle ich überschlagsmäßig eine dreistellige Anzahl an Kühen.
Und alle bimmeln im Akkord ! Welch Geräuschkulisse - die Murmeltiere lassen sich davon aber augenscheinlich nicht stören.

Nun muß ich einige Kilometer gen Nordwesten talauswärts gehen. Immer wieder spielt Petrus dann einen seiner Streiche und schickt ein paar Regentropfen, die ich aber ignoriere.

Kurz vor der Siedlung Vergalda kann ich den Schotterfahrweg nochmal verlassen, um durch den Wald hinab nach Gargellen (1.423 Meter) abzusteigen und im Foto-Finish an der Talstation der Schafbergbahn noch geblitzt zu werden, wo im Ziel die Mountaincarts ankommen.



So ganz am Ziel (meiner Tour) bin ich ja noch nicht, aber es ist nicht mehr weit und zumindest für heute muß ich mir nur noch ein Quartier suchen, was aber bei 1.500 Gästebetten bei 110 Einwohner kein größeres Problem darstellen sollte.


Begegnungen:
2 Murmeltiere
4 Madrilenen


2.000er:
Mittelbergjoch, 2.415
Vergaldner Joch, 2.515

Tag 68: Der Countdown läuft

Nun beginnt die Zeit der letzten Tage. Wenn alles (weiterhin) glatt läuft, wird heute der letzte Dienstag meines Österreich-Ausflugs 2017 gewesen sein.

Der Tag hält eine recht kurze Etappe parat, weswegen es auch gar kein Problem ist, daß ich am Morgen erst wieder aus Galtür mit dem Bus zur Bieler Höhe am Silvretta-Stausee hoch fahren muß, wo ich gestern am Gasthof Piz Buin meine letzte Etappe beendet hatte.

Ich nehme den Bus kurz vor 10 Uhr und so kann es eine gute halbe Stunde später los gehen.
Nun bin ich endgültig in Vorarlberg - nun gibt es kein zurück (nach Tirol) mehr.

Zuerst muß ich gen Westen einige Höhenmeter absteigen und komme imschatten der westlichen Staumauer am Madlenerhaus vorbei, was früher dem DAV Wießbaden gehörte.
Jetzt ist mir auch klar, warum sie das Haus vor ein paar Jahren an die Kraftwerksgesellschaft verkauft haben: Die vormalige DAV-Hütte steht nun in Mitten eines Arbeiterdorfes und auch an das Haus selbst wurden temporäre Anbauten vorgenommen.
Über einige Jahre wird hier nämlich ein Druckstollen mit knapp 7 Meter Durchmesser durch den Berg getrieben, um die Anlage aus den 40er Jahren mit 20 MW Leistung durch eine moderne Anlage mit -360 bis +360 MW Leistung zu ersetzen.
Die heute über Tage verlaufende, metallerne Druckleitung mit geschätzt weniger als 2 Meter Durchmesser wird dann komplett von der Bildfläche verschwinden.
Das neue Kraftwerk liefert bei gleichen Stauseen dann die 18-fache Leistung und kann zusätzlich im Pumpbetrieb die gleiche Leistung verbrauchen, was für den auch in Österreich wachsenden Anteil an volatilen Energiequellen aus Wind und/oder Sonne zur Zwischenspeicherung nötig ist.
2020 sollen wohl alle Arbeiten letztlich abgeschlossen sein. Mal sehen, was dann aus dem Madlenerhaus wird ...

Ich folge heute nicht dem 02er-Originalweg durch die Steinschlag gefährdeten Hänge der Tschifernella und über die Gletscher (oder was davon übrig ist) nach der Saarbrücker Hütte, sondern folge der Route der Roten Via Alpina, die sich am Ende von Norden der Tübinger Hütte nähert.


Vom Stausee geht es hinab bis ins Kromertal, wo die Zufahrtstraße zur Saarbrücker Hütte gekreutzt wird. Dann geht es zuerst gen Nordwesten bergauf am Hang entlang, dann das Maderer Täli entlang, bis der Pfad steiler in Seprentinen bergauf führt, während man anfangs noch den niedrigeren Stausee im Blick hatte:


Ein zwischenzeitlich ausgelöster Steinschlag ist keinem Verursacher (Menschen können im Norden kaum sein und Tiere sind zumindest nicht zu sehen) zuzuordnen.
Schließlich erreiche ich das Hochmadererjoch, wo ich eine Pause in der Sonne einlege, bis zwei Mädels nach mir den Weg hochkommen.

Wie üblich, sind die ersten Höhenmeter vom Joch bergab steil, aber diesmal geht es in einem Bogen hinab und weiter bis zum Giantschettatäli, wo sich der Weg teilt: Interessanterweise kann man aus dem Osten kommend, entweder gen Norden gehen oder gen Süden, zur Tübinger Hütte oberhalb des Talschlußes, allerdings gibt es keinen Weg nach Westen hinab ins Garneratal, welches sich hier tief und steil nord-südlich einschneidet.


Am Hang entlang auf einer Geländestufe gehe ich also den Steig leicht absteigend zur Tübinger Hütte.

Herr Huber, von Kemmler ist leider erst in der Folge-Woche hier auf der Hütte, aber es wäre ja total lustig, wenn ich evtl. eine der 10 Personen vom Tübinger Alpenverein auf der Hütte treffen würde, mit denen ich eine ihrer beiden Wochen auf der GTA vor drei Jahren parallel unterwegs war.

Nach der langen Etappe gestern, heute planmäßig nur eine Halbtagestour und so kann ich es mir auf der Terasse der Hütte kulinarisch erstmal richtig gut gehen lassen.

Als einige Leute auf der Hütte ankommen, bin ich etwas unsicher: Ist der eine Herr nicht Hans, der damalige 1. Vorsitzende des Tübinger DAV, der vor drei Jahren mit im Piemont unterwegs war ?
An der Getränkeausgabe steht vor mir ein Mann aus der Gruppe, den ich mal darauf anspreche, ob sie nicht zufällig aus Tübingen seien.
Nun, es handelt sich um den Mann der Tübinger Bürgermeisterin, wie er mir erklärt. Sie sind mit der ganzen Familie hier und werden geführt vom 1. Vorsitzenden und seiner Frau. Doch Hans !

Es gibt ein großes Hallo als ich an den Tisch gehe und Hans begrüße.
So klein ist (mal wieder) die Welt !
Nach auf den Tag (22. August) genau drei Jahren sieht man sich also wieder, allerdings ist es diesmal erst mein 68. Tag, damals war es der 85. Auf dem Weg den Alpenbogen entlang von Graz nach Monaco: Project-82 

Auch die Tübinger sind dabei, die Hütte (Schlafplätze, Gasträume & Co) zu erweitern und eine gute Million ist auch hier verplant.
Im Unterschied zu den Heidelbergern, die 2017 den Beitrag um 10 Euro erhöht haben und 2018 um weitere 10 auf dann insgesamt 90 (NEUNZIG) Euro für eine A-Mitgliedschaft, planen die Schwaben hier aber keine Änderungen. Auch der Lager-Preis von 7,50 Euro ist wohl einer der günstigsten der ganzen Tour.
Die schwäbische Devise "Spare, spare, Häusle baue." bewährt sich hier wohl und auch die vielen Gäste aus Tübingen, hier auf dem höchsten Haus der Stadt, sprechen wohl für die Hütte und die Verbundenheit der Region der Sektion.

Als ich gegen 20:30 ins 28er-Lager gehe, muß ich feststellen, das ETWAS (Geschlecht nicht erkennbar, da keinerlei Teile eines menschlichen Körpers sichtbar sind) in einem fetten Daunenschlafsack am Fenster liegend, beschlossen hat, daß das komplette Lager nicht nur mit Frischluftzufuhr über Klappfenster, sondern mit Schockfrosten durch komplett geöffnete Fenster und Minusgrade auf knapp 2.200 Metern Seehöhe Ende August rechnen muß. Schön, wenn die Early Birds gleich alle Weichenstellungen vornehmen. Dummerweise gibt es ausgerechnet hier auch nur eine Alpenvereinsdecke und nicht wie sonst üblich derer zwei.
Nach kurzem Grummeln finde ich für mich persönlich die beste Lösung: Ich melde mich freiwillig für nochmal Aufstehen und das Licht löschen und dann gehe ich gen Schlafsackmumie und nehme einfach deren (ungenutzte) Decke, die auch noch frech im offenen Fenster klemmte.
Nun habe ich zwei Decken, hatte mir nachmittags sowieso den besten Platz am weitesten vom Fenster entfernt gesichert und kann somit prima (und warm) schlafen. Wäre doch gelacht !


Begegnungen:
2 kleine Frösche
2 Murmeltiere
Erste Bürgermeisterin (Stellvertretung des Oberbürgermeisters) von Tübingen (Dr. Christine Arbogast) mit Mann und Kindern
Hans, 1. Vorsitzender der DAV-Sektion Tübingen (GTA, 2014) mit Frau
3 Franken aus Heroldsbach
Familie König aus Tübingen


2.000er:
Hochmadererjoch, 2.505

Tag 67: Die Sache mit der Vier

Nachdem ich am Vortag gerade mal 4 Stunden gegangen bin, steht heute ein langer Tag an: Zuerst soll es zur Jamtalhütte gehen, wo alle Silvrettarunden-Begeher der Heidelbergerhütte bleiben werden, und dann noch weiter bis zur Bieler Höhe am Silvrettastausee.

Die heutige Etappe besteht also aus 4 Teilen: Aufstieg zum Kronenjoch (der kürzere Weg über das Zahnjoch wurde wegen Steinschlaggefahr aufgelassen und die Markierung auf beiden Seiten entfernt), Abstieg zur Jamtalhütte, Aufstieg zur Getschnerscharte, Abstieg zum Stausee, der bereits jenseits der Grenze in Vorarlberg liegt.

Der frühe Morgen ist sehr kalt, dafür aber mit blauem Himmel zur Feier des Tages garniert.
Hinter der Hütte im Schatten bedeckt dicker Raureif den Boden, aber da etwas weiter bereits die Sonne ins Tal scheint, gehe ich zwar in langer Hose, aber kurzärmelig bereits um kurz nach 7:30 Uhr los.

Wenn ich mal kurz stehen bleibe, schmerzen die Muskeln wie am Anfang der Tour. Mein Körper wird doch nicht über Nacht festgestellt haben, daß ich doch nicht mehr ganz der jüngste und keine 24 mehr bin (naja, am ehesten noch im Hexaoktalsystem ;-) ? - Naja, es ist wohl einfach die Kälte, die den Muskeln zusetzt, denn im Tagesverlauf ist von den Wehwehchen nichts mehr zu merken.

Der Spätsommer hat nun also mit großen Schritten, quasi über Nacht, Einzug gehalten und es ist wirklich frisch. Länger Stehenbleiben ist nicht, sonst beginne ich zu frieren, insbesondere weil auch innerhalb kürzester Zeit Wolken ins Tal ziehen und es mehr und mehr bedeckt wird. Nun, das ist nicht ganz so spätsommerlich (schön) und Petrus hält sich momentan einfach nicht an das Drehbuch der ZAMG-Bergwettergötter aus Innsbruck.

Über die Bachläufe sind hier einige Male Gerüstböden gelegt und auch wenn ich einer der ersten Starter am Morgen von der Hütte war, sehe ich auf diesen im Reif deutlich ein paar Fußabdrücke. Vor mir kann ich aber lange Zeit niemanden entdecken. Erst als der Pfad nach dem bisher gemütlichen Anstieg gen Süden, rechts mehr und mehr gen Westen abzweigt und es durch eine Art Mondlandschaft etwas steiler (aber immer noch sehr gut gehbar) bergauf geht, kann ich vor mir einen schwarzen Schatten dahinschweben sehen. Ui, das wird doch nicht etwas ... Nein, die Gestalt hat keine Sense über der Schulter. Ich bin also nicht dem Tod auf den Fersen, auch wenn der schwarze Schatten schon aus der Ferne einen skurrilen Eindruck macht.


Nach dem Passieren des Falschen Kronenjochs (mmh: Zähne, Kronen - noch dazu auch falsche, abbrechende Spitzen und Geröll - Assoziationen an die Zahnmedizin kommen unwillkürlich hoch) sind es nur noch wenige Meter über gefrorene Bäche (wahrscheinlich hatte es hier heute Nacht -4 Grad) bis zum Kronenjoch auf 2.974 Metern, wo ein wirklich kalter Wind über die Scharte pfeift und sich die Sache mit dem Sensenmann ohne Sense aufklärt: In einer Mulde etwas Wind-geschützt lagert ein Mädel im dunklen Anorak (sonst sind die ja meist knall-bunt), welches nach der Nord-Süd-Alpenüberquerung Oberstdorf-Meran (E5) nun noch etwas durch die Silvretta am Auslaufen ist, weil sie noch ein paar Tage Urlaub hat.

Ich packe Kälte-bedingt auch Anorak, Mütze und Handschuhe aus und verweile aber nicht (unnötig) länger, sondern mache mich gleich an den Abstieg. Die ersten 50 Höhenmeter sind für die Knie sehr unangenehm zu gehen: Der eisige Wind hat den feuchten Erdboden derart schock-gefrostet, daß sich der Weg wie Beton geht. Hier bin ich mal froh, als mehr Steine auf dem Weg liegen, aber natürlich auch mit Verlieren von Höhe der Wind etwas nachläßt und es nicht mehr ganz so eisig kalt ist.

Nach einer Weile kommen die ersten Wanderer aus der Gegenrichtung im Aufstieg entgegen. Mit einem Ehepaar aus Würzburg (Katja und Hans - im Glück ;-) komme ich länger ins Gespräch. Sie haben auch ein paar Hütten- und Wegetipps für mich, die ich allerdings auf dieser Tour vermutlich nicht werde berücksichtigen (können), da die Wiesbadener Hütte heute noch eine Stunde mehr Weg wäre, ich dann weiter zur Tübinger über die Saarbrücker wohl wieder so einen Gletscherbalanceakt wie am Gliederferner im Abstieg hätte (wenn auch nur kurz), das Wetter nicht so stabil wie vorhergesagt scheint und es 4. sinnvoll wäre, heute einen Ort mit Telefon-/Datenempfang zu erreichen.
Interessant finde ich auch die Geschichte mit ihrem 16-jährigen Sohn, den ich auf einer Alm nach der Lindauer Hütte lieb grüßen soll: Vor einem Jahr (da war der Knirps also gerade mal 15) lief ein Schulprojekt, wo die Eltern den Kids 60 Euro mitgegeben haben und diese damit EINE Woche mindestens 100 Kilometer von zu Hause entfernt überleben sollten. Alles weitere mußten sie sich im Vorfeld selbst organisieren oder dann vor Ort - wo auch immer.
Die Jugendlichen hatten also große Rucksäcke mit Zelt, Essen & Co gepackt, sich an viele Firmen und Institutionen gewandt und letztlich mit von der Bahn gesponserten Bahncards auf den Weg in die Berge gemacht. Auf der Lindauer Hütte durften sie wohl am ersten Tag gegen Mitarbeit Zelten und erhielten etwas zu Essen, allerdings mußten sie realisieren, daß 20 Kilogramm auf dem Buckel einfach viel zu viel sind. Das kann ich gut verstehen: Vor 3 Jahren war ich ja mit entsprechendem Gewicht in knapp 4 Monaten ein Mal über die Alpen unterwegs gewesen, aber ich bringe auch deutlich mehr Kampfgewicht, Lebenserfahrung und mentale Ausdauer im Verhältnis zum Rucksackgewicht auf die Waage als ein paar Teenager. Der Hüttenwirt der Lindauer Hütte hatte für die Jungs schließlich den entscheidenden Tipp: Sie sollten es doch mal beim Senner auf einer nahegelegenen Alm probieren. Und wirklich durften sie dort gegen Almarbeit und für Kost und Logis bleiben.
Jikar (ich bin mir mit dem Namen nicht ganz sicher) hat es so gut gefallen, daß er diesen Sommer gleich wieder in den Ferien zum Helfen auf diese Alm wollte und da er scheinbar ordentlich zupacken kann, hat ihn der Senner auch in diesem Sommer wieder gerne als Helfer genommen. Nur mit dem Namen ... der Senner der Sporaalpe hat ihn der Einfachkeit halber schlicht "Klaus" getauft. Nun, Pragmatismus ist auf der Alm sicher nicht das Schlechteste und so lange der Junge auch darauf hört ...

Nach gut 4 Stunden erreiche ich zur Mittagszeit die riesige Jamtalhütte. Draußen ist es mir zu schattig, also gehe ich in den Restaurant-artigen "Gastraum". Da ich noch einen weiteren ordentlichen Marsch vor mir habe, will ich eigentlich nicht viel Zeit verlieren und mich nur etwas Stärken.
Das ist in dieser riesigen, unpersönlichen und augenscheinlich suboptimal organisierten Hütte allerdings gar nicht so einfach (wie ich am nächsten Tag auf der Tübinger Hütte erfahren werde, genießt die Jamtal auch einen schlechten Ruf - trotz oder vielleicht sogar wegen ihres Statuses als großer DAV-Ausbildungsstützpunkt): Drinnen ist unklar, ob mit Bedienung oder Selbstbedienung (typische Kennzeichen wie Schilder oder Speisekarten an den Tischen fehlen) - als ich mich an einen Tisch setze, passiert ... NIX. Als ich zur Theke gehe, werde ich entnervt nach draußen geschickt, als ich draußen an der dortigen Theke rumstehe, kommt der vermeintliche Chef und beordert mich wieder rein an den Tisch. Bis dahin konnte ich meine Wünsche immer noch nicht los werden.
Etwas später kommt er zur Aufnahme der Bestellung vorbei, weiß aber nichtmal, was die heutige Tagessuppe ist.
Das Zahlen gestaltet sich dann auch als mehrstufiger und langwieriger Prozess.

Fazit:
1. Manchmal ist der erste Eindruck schon der sich bestätigende und letztlich bleibende.
2. Es gibt auch große Hütten, die trotzdem einen guten Eindruck machen.
Die Jamtalhütte gehört definitiv NICHT dazu.
3. Man hat es hier wohl einfach nicht nötig.
4. Nix wie weg und mit der Übernachtung auf der Heidelberger am Vortag (wieder Mal) alles richtig gemacht.

Nach der Jamtalhütte gilt es zuerst das Tal des Jambachs zu durchschreiten und dann geht es in den zweiten langen Aufstieg für heute, der allerdings deutlich steiler und auch unangenehmer zu gehen ist, da einige Hundert Höhenmeter über Erosionsgelände mit abrutschendem Geröll und Erde zu überwinden sind. Mir kommen einige Kleingruppen entgegen und ich frage immer mal nach den Verhältnissen auf der anderen Seite des Übergangs. Die Auskunft der beiden älteren Damen, die als letztes treffe, KANN ich aber einfach nicht glauben: Schwieriger als die Ostseite und ich könnte Probleme mit meinem großen Rucksack bekommen, es muß also sehr eng sein.
Mmmh, einen Sonnenstich können die beiden eigentlich nicht haben, bewußtseins-verändernde Gräser geraucht zu haben, traue ich ihnen auch nicht zu, also entweder haben sie zu viel Gipfelschnaps konsumiert (so laufen sie aber eigentlich nicht) oder sie sind mental nachhaltig verstört.


Ich bin mir nicht sicher, aber der Abstieg von der Getschnerscharte auf der Nordseite ist absolut harmlos im Vergleich zum Aufstieg und auch Engstellen kann ich nirgends entdecken.


Um 44 Minuten vor 4 Uhr beginnt es plötzlich, wie aus heiterem Himmel (ok, bedeckt ist es bereits seit dem Vormittag, aber trocken) große Flocken zu schneien. Nachdem ich Anorak und Regenhose angezogen und Foto weggepackt habe, kann ich in Ruhe weitergehen, aber bereits nach 4 weiteren Minuten hat der Spuk wieder ein Ende.

Unangenehm in einer tiefen Rinne mit rollenden bzw. kippelnden Gesteinsbrocken sind nur die Serpentinen hinab zum Bietalbach zu gehen. Der Bach ist dann unterhalb einer Kraftswerksableitung zu durchqueren, wo das Bachbett fast komplett trocken liegt. Gleichzeitig warnen an der Stelle aber auch Schilder davor, den Bach zu betreten, da Flut durch Öffnen von Schleusen/Wehr droht. Skurril !
Aber einen Tod muß man sterben und letztlich bleibe ich trocken.


Ziemlich genau 4.000 Kilometer bin ich nun in den letzten weniger als 4.000 Tagen auf 4 Weit-/Fern-Wanderwegen (München-Venedig, Tour du Montblanc TMB, Graz-Monaco, Zentralalpenweg 02) durch die Alpen spaziert. 4 Hektotausend Aufstiegsmeter waren dabei bis heute zu überwinden und nahezu genauso viele Höhenmeter abzusteigen (ohne Gerald eigentlich sogar ein paar Meter mehr, weil es von München bzw. Graz ans Meer ja tendentiell abwärts geht).
Ich stand in dieser Zeit auf deutlich über 4.000 Metern über dem Meer (allerdings außeralpin) und habe dabei eine Nacht auf 4.600 Metern verbracht.


Am Silvrettastausee überschreite ich dann kurzzeitig bereits die Grenze nach Vorarlberg, dem letzten Österreichischen Bundesland durch welches mich meine Reise führt, nachdem ich zuletzt ja schon durch 4 (Steiermark, Kärnten, Tirol, Salzburger Land) mit hochalpinen Lagen über 2.500 Metern und der Hälfte mit eher Flachland (Niederösterreich, Burgenland) gekommen bin und einer weiteren Hälfte der Hälfte, also einem Viertel oder 4^(-1) vor Beginn einen Besuch abgestattet habe (Wien), wo mich die Dame mit den 4 Buchstaben aus der Stadt mit den 4 Buchstaben auch Mitte September wieder hinlocken wird, bevor ich mich im 4. Quartal evtl. revanchieren werde ...

Leider ist direkt am Paß im Hotel Piz Buin kein Zimmer mehr frei, so daß ich mit dem Bus ins Tal fahren muß (schräg: 3,60 Euro für das Busticket und 4 Euro Maut). Ich entscheide mich für die Abfahrt zurück nach Osten, also hinab nach Tirol, wo Galtür liegt. Da Handy- bzw. Datenempfang mal wieder rumzickt, erteile ich dem Vater zu Hause den Auftrag, mir Unterkunft mit gewissen Vorgaben in Galtür zu organisieren, während ich im Bus ins Tal fahre. Es ist nämlich mittlerweile schon relativ spät geworden. Der Wunsch kann mir heute natürlich nicht abgeschlagen werden.

Die Unterkunft im Hotel garni Luggi ist spitzenmäßig (großes Zimmer, aufmerksame Chefin, extrem sauber und gepflegt, bester Wellnessbereich der bisherigen Reise durch Österreich) und relativ preisgünstig. Von Einzelzimmer- oder Kurzurlauber-Zuschlägen hält man hier auch nichts. Das ist der Vorteil an Biker-Unterkünften (also die MIT richtigem Motor). Wie beim Lammwirt in Jerzens ist der Chef hier Motorradfahrer und bietet neben Reparatur- und Unterstellmöglichkeiten auch selbst Touren für seine Gäste an.

Der Wellness-Bereich ist der beste der ganzen bisherigen Reise, bis ins kleinste durchdacht (optimale Raumaufteilung, ausgewogene Ruhemöglichkeiten, Fußbodenheizung, Sirup, Wasserfalldusche u.a. als Knopfdruck-Aktionen (fast wie im Miniatur-Wunderland ;-), extrem sauber und neu ausschauend) und die Chefin heizt für mich extra die Finnische Sauna an.
Überhaupt ist die Dame sehr aufmerksam, gastfreundlich und zuvor kommend: Prophylaktisch werde ich nach früherem Frühstück gefragt, weil ich nach Bergsteiger aussehe (morgen wegen kurzer Etappe aber nicht nötig), alkoholischen Umtrunk muß ich leider ablehnen und auch auf das Angebot, mir doch noch Proviant mitzunehmen, lehne ich dankend ab (unterwegs habe ich gerade keinen so großen Bedarf bei kurzen Etappen).
Den Wellness-Bereich hätte ich auf ca. 4 Jahre alt geschätzt, in Wirklichkeit ist er fast 20 Jahre alt, aber eben top gepflegt und ab und an neu gestrichen, wie ich vom "Hausmeister" (dem Chef) erfahre.

Da hatte der Vater wirklich ein gutes Händchen !


Begegnungen:
1 Adler
1 Schwäbische Alleinweitwanderin
Katja und Hans aus Würzburg (Sohn Jikar oder so ähnlich, vom Senner Klaus genannt)


2.000er:
Falsches Kronenjoch, 2.958
Kronenjoch, 2.974
Getschnerscharte, 2.839
Bielerhöhe, 2.030

Donnerstag, 24. August 2017

Tag 66: Grüezi Schwiiz

Nach dem umfangreichen Frühstück im Hotel in Versahl, nordöstlich von Ischgl, gehe ich den Weg ins Dorf nun zum dritten Mal. Ich muß sagen, das zweite Mal (am Abend vorher der Rückweg nach dem Essen ins Hotel) war mit großem Abstand das beste, denn da hatte ich Ischgl im Rücken und mußte mir diesen gräßlichen Ort nicht ansehen.
Ich habe schon viele Skiorte in den Alpen gesehen und Ischgl hat sich auf Anhieb in die Top-3 der grausigsten katapultiert. Da ändern dann auch die Trachtler am Sonntag Morgen vor der Kirche nichts mehr daran.

Vor Ischgl noch eine Skurilität am Rande (also eigentlich manchmal über der Straße): Eine kippbare Brücke, wie man sie beispielsweise über Schifffahrtskanäle kennt, die hier allerdings zum Heueinfahren in den ersten Stock des Heuschobers dient.


Ich war ja kurz davor, die Kurbel mal auszuprobieren:


Immerhin sind am morgen auf der Silvretta-Bundesstraße im Vergleich zu gestern Nachmittag noch keine Horden von Sportwagenfahrern mit dröhnenden Motoren unterwegs.

Sehr schnell ist der Ort Ischgl dann durchquert und das Paznauntal verlassen. Auf einer geteerten Straße (Teil der Skipiste ins Tal) geht es kontinuierlich aufwärts gen Süden in das Tal des Fimbabaches.

Schafe sind übrigens manchmal auch irgendwie Rindviecher: Fast 100 Höhenmeter rennen ein schwarzes Mutterschaf und zwei kleine schwarze Schafe im Schlepptau die Teerstraße vor mir her davon. Immer wieder bleiben sie stehen, knabbern am Gras links oder rechts, aber sobald ich eine gewisse Distanz unterschreite, rennen sie wieder mit auf und ab schlagenden Ohren im Schweinsgalopp davon. Statt einfach mal zur Seite auf die Wiese oder irgendwo in den Wald zu gehen - nein, immer die Straße hoch, die ich auch gehe.
Das Ganze hat erst ein Ende, als von oben ein großer Pick-up entgegen kommt. Kurz stehen die drei mitten auf der Straße, schauen hoch zum Auto, das abgebremst hat, schauen hinunter zu mir und dann haben sie wohl Losentscheid getroffen und stürmen beherzt an mir vorbei gen Tal, wobei sie nun halt vom Auto gejagt werden ...

An den Mittelstationen der Fimba- und der Silvrettabahnen gehe ich unterhalb vorbei und erst danach sind auf dem Schotterweg nun mehr Leute zu Fuß oder mit dem Rad anzutreffen, die wohl die Möglichkeit des kostenlosen Transfers mit der Seilbahn im Rahmen der Gästekarte in Anspruch genommen haben. Mir hatte der Mann an der Rezeption gestern noch die Möglichkeiten der Silvrettakarte schmackhaft machen wollen, aber ohne Auto, ohne Motorrad und ohne Wunsch nach Bus, Seilbahn oder Schwimmen war das völlig vergebene Liebesmüh - aber ich hatte es ihm ja gleich gesagt ...

Der Weg ins Tal zieht sich ganz schön in die Länge und immer wieder nieselt es an diesem trüben, kühlen Tag mit tief hängenden Wolken. Mal mehr, mal weniger.
Ich bin heute aber ignorant: Der Rucksack ist seit dem Morgen in die Regenhülle eingepackt und der Regen ist nie so stark, daß lange Hose oder kurzes Hemd ernst- und dauerhaft richtig naß werden würden.

Heute kommen sehr viele Mountainbiker an mir vorbei, u.a. weil eine der klassischen TransAlp-Routen hier durch führt (Oberstdorf - Gardasee). Wahrscheinlich überwiegt heute auch deutlich der NICHT-E-Antrieb.

Bergauf sind die Radler kaum schneller als ich zu Fuß und ich kann im Gegensatz zu einigen Frauen, die dabei aus dem letzten Loch pfeifen, auch noch ganz entspannt grüßen.
Wie mir die Radel-Jungs am Abend am Tisch erzählen werden, sind sie bergauf im Schnitt nur mit 3,8 km/h unterwegs.

Auf ca. 2.000 Metern liegt der letzte Lift hinter mir und das Tal zieht sich weiter in die Länge.
Interessanterweise verläuft hier die Grenze zur Schweiz nicht am Ende des Tals über die trennenden Gipfel und Grate zum schweizer Nachbartal im Süden, sondern auf der Höhe von 2.127 Metern quer durchs Tal. Ich bin also plötzlich in der Schweiz. Also zumindest offiziell, denn außer einem Zollwarnschild ist nichts besonderes zu erkennen: Keine Grenzsteine, keine verlassenen Wachhäuschen, nichts.


Den Kühen im Tal ist die Grenze auch völlig gleichgültig, denn es gibt auch keine Weidegrenzen, und dem Adler über unseren Köpfen ist das sowieso alles egal.


Nun ist die Heidelberger Hütte in Sicht: Auf 2.264 Metern liegt die einzige Hütte des Deutschen Alpenvereins auf Schweizer Grund. Wobei hier im ersten Moment wenig an die Schweiz erinnert: Die Zufahrt ist nur aus Tirol möglich, die Hütte wird von Österreichern bewirtschaftet, es gibt nur Handy-Empfang von österreichischen Providern und die Speisekarte hat auch nur Euro-Preise.

Aber hier und da findet man dann schon die Anzeichen: Von den beiden Autos der Wirtsleute ist eines in der Schweiz zugelassen (ich möchte nicht wissen, wie viele Kilometer die zum Schweizer TÜV fahren müssen), es gibt Rösti, Dankestafel der Schweizer Zöllner und Hinweise auf die Einhaltung Graubündener Gesetze.

Die Hütte ist groß und wegen eines gerade laufenden Umbaus ist der Weg ins Innere etwas skurril durch Betonkatakomben im Souterrain.

Die Etappe war sehr kurz, weswegen ich schon am Mittag an der Hütte bin. Ich habe die Wahl: Entweder heute noch einen zweiten Teil dranhängen und zur Jamtalhütte weiter gehen (dann wäre der Folgetag sehr kurz) oder auf besseres Wetter am nächsten Tag spekulieren und dann richtig lange Etappe über Jamtalhütte bis zur Bielerhöhe zu gehen.

Ich entscheide mich für die Spekulation auf besseres Wetter mit ordentlicher Sicht und lasse es mir bei Rösti mit Geschnetzeltem und einem Apfelstrudel mit Vanillesoße als kleine Mahlzeit für Zwischendurch gut gehen und im Lager habe ich dann bei Erstzuteilung um 14:30 Uhr auch die erste Wahl.


Zu diesem Zeitpunkt ist die erste Gästewelle, die um die Mittagszeit die Hütte erreichte bereits abgeebbt: Tageswanderer sind wieder auf dem Weg ins Tal bzw. zurück zur Mittelstation und die Mountainbiker schieben bereits die Räder hoch zum nächsten Paß, bevor es von dort in rassante Abfahrt ins Tal zum Tagesziel geht.

Am späteren Nachmittag trifft dann die zweite Welle an Gästen ein, die hier über Nacht bleiben: Mehrtages-Wanderer auf Silvrette-Runde-Hütten-Tour und viele Biker auf der klassischen Oberstdorf-Gardasee-Route, die auf Berg- statt Tal-Unterkünfte setzen.

Am Nebentisch flammt plötzlich eine Diskussion unter Wanderern auf, wo man denn das Auto im Tal geparkt habe: Ein Ehepaar hat in See (da war ich ja gestern Morgen ins Paznauntal von der Ascherhütte gekommen) kostenlos geparkt und ist dann mit dem Bus bis Ischgl, da dort bereits für einen Tag 12 Euro an Parkgebühren aufgerufen werden - und die sind sogar, wie die meisten, mit der Seilbahn bis zur Mittelstation gefahren. Der Ort wird mir immer unsympathischer.
Ein Allein-Wanderer steht wohl direkt an der Bahn und meint keine Schilder gesehen zu haben, die ein Problem darstellen könnten. Alle anderen meinen gegenteilig. Ich denke auch, am Vorabend dort Schilder gesehen zu haben, daß man da nur tagsüber Kurzzeitparken darf. Die Phantasien gehen von Abschleppen über Parkkralle auf alle Fälle in die Richtung dreistelliger Parkgebühren für die geplante Fünf-Tages-Tour. Nun, der Lenker wird es schon merken und wenn sie Geld haben wollen, nehmen sie BESTIMMT auch Kredit- oder EC-Karte.
Dann werde auch ich gefragt, wo denn mein Auto stehe. Nun, kurz und schmerzlos: Lichtenfels, Nordbayern. Das Ehepaar ist kurz verduzt. Ich meine schon, näher erklären zu müssen, wo Lichtenfels sei, als sie verunsichert anmerken, daß sie beim Lichtenfelser Alpenverein seien, wohnhaft in Bad Staffelstein. *lol* so klein ist die Welt, dann kann ich ja gleich präzisieren: Schney, Garage der Oma.
Jetzt ist ihnen die genaue Position meines Parkplatzes zwar bekannt, allerdings muß ich dann doch noch erklären, warum ich DORT und nicht im Paznauntal parke. Ich bin halt einfach schon ein paar Tage unterwegs.


Neben der Zimmerzuteilung wurde einem auch eine Tischnummer für das Abendessen zugeteilt. Je später es wird, um so mehr wird mir klar warum: Die Hütte wird recht voll.

Ich habe Glück mit meinen Tischnachbarn: Drei lustige Koblenzer Radler mittleren Alters mit ihrem Guide Pjotr. So erfahre ich einiges über die Mountainbike-TransAlp und die Anforderungen an einen Guide.
Interessanterweise hält sich Pjotr bevorzugt auf dem Rennrad fit, fährt mit dem Tourenrad im Winter irgendwo auf der Welt durch die Gegend (letztes Mal: Neuseeland) und muß zu Beginn der alpinen Sommersaison erst wieder Koordination fürs Mountainbiken aufwändig trainieren.  


Begegnungen:
1 Schwarzes Mutterschaf mit 2 kleinen schwarzen Schafen
4 Murmeltiere
1 Adler
2 Bad Staffelsteiner vom Lichtenfelser Alpenverein
3 Radler aus Koblenz und Guide Pjotr

Dienstag, 22. August 2017

Tag 65: Talweg über 7 Hügel

Das angekündigte Unwetter blieb aus. Abends windete es zwar ganz ordentlich, es regnete auch nachts ganz ordentlich, allerdings nicht übermäßig (Blumen der Senior-Wirtin noch heil) und am Morgen ist es zwar grau draußen, aber nur leichter Regen.

Nach einigen hundert Metern ziehe ich dann doch mal die volle Regenmontur an und stapfe über die Fahrwege durch das Skigebiet bis zur Bergstation der Medrigalmbahn auf 1.800 Metern. Von dort gibt es dann verschiedene Varianten ins Tal nach See. Ich plane, die Rodelbahn zu gehen, da dies der schnellste Abstieg zu sein scheint, allerdings ist es gar nicht so leicht, die richtige Stelle des Abzweigs von der Talabfahrt mangels Schilder oder Markierung zu finden.
Wobei, eigentlich ist es ganz einfach, da ich auf dem Skigebietsplan gesehen hatte, daß Talabfahrt UND Rodelbahn beleuchtet sind. An der Stelle im Wald, wo plötzlich rechts mitten in der Wiese Straßenlaternen stehen, muß es wohl abgehen.

Also, auf in den Kampf und ab ins Sumpfgebiet, denn ein wirklicher Weg ist erstmal nicht zu erkennen. Gut, daß ich meine hohen Schuhe habe. Nach einer Weile mündet die Straßenlaternenroute allerdings wieder auf Forstweg, wo es dann flotter weitegeht.

Etwas später zweige ich auf einen Fußweg für den restlichen Abstieg durch den Wald ab.


Am Ortsrand von See entledige ich mich erstmal der Regenklamotten und dann geht es gen Westen ein Stück auf dem Gehweg an der Straße taleinwärts entlag, bevor ich über eine Brücke auf die andere Talseite komme, wo der sogenannte Talweg in Richtung Kappl führt.

Talweg heißt hier allerdings nicht, daß er in der Talsohle am Fluß entlang ohne große zusätzliche Steigungen führen würde, sondern nur, daß er nicht über Gipfel führt. Der Talweg geht am Hang entlang von Weiler zu Weiler oder Gehöft zu Gehöft, mal auf, mal ab.

In Kappl kehre ich im Hotel Post für Suppe, Apfelstrudel mit Vanillesoße und zwei Johannis-Leitungswasser (0,5) ein und zahle deutlich weniger als im Kölner Haus. Außerdem buche ich mir ein Zimmer in einem Vorort von Ischgl.

Neugierige Kühe an der Straße:


Als es wieder zu nieseln beginnt, ignoriere ich dies und lasse den Regen an mir abprallen.

Die Verbauungen gegen Lawinen bzw. Muren sind zum Teil sehr monströs. Hier führt ein 40-Meter-Tunnel an der Basis durch Schutzwall:


Der zugehörige Wildbach:


Im Ortsteil Versahl von Ischgl habe ich ein nettes Hotel garni mit Sauna.
Blöd nur, daß es hier nirgends ein Restaurant gibt und ich abends noch 20 Minuten bis nach Ischgl gehen muß, allerdings bin ich umgekehrt auch froh, nicht in Ischgl direkt gebucht zu haben: Ein unglaublich häßlicher Ort.

Überhaupt auch ein komisches Tal: Zwischen See und Ischgl gab es Unmengen an Apartments und Hotel garni, aber so gut wie keine Restaurants/Gasthöfe. Keine Ahnnung, wo im Winter alle Leute Essen gehen, wenn die Quartiere voll sind.



Begegnungen:
2 Eichhörnchen
5 Haflinger + 1 Schimmel abseits
2 Alpensalamander
2 neugierige Kühe in Kappl